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SWR Bestenliste

Autoren / innen

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Lesetipps

Sasha Marianna Salzmann.
Außer sich (2017)

salzmann

Am Berliner Maxim Gorki Theater wird in einem „Kunstasyl“  Neues erprobt:

Я [sprich: ya] ist der letzte Buchstabe im kyrillischen Alphabet und bedeutet auf russisch ICH. Deshalb gibt unser Name eine Denklinie vor: Hier geht es um Selbstbestimmung! STUDIO Я ist eine Plattform, auf der das Selbst hinterfragt und weitergedacht wird.

www.gorki.de

Die 1985 in Wolgograd geborene Marianna Salzmann (Sasha nach ihrem Urgroßvater) und Daniel Kahn (geb. 1978 in Detroit, bei uns besonders bekannt als Musiker D.K. & The Painted Bird) gehören zum „Kern des Kollektivs“.
Als sie 2012 ein Stipendium für die Akademie Tarabaya in Istanbul erhält, verfasst sie in dieser vielfältigen Stadt nach eigenen Angaben „wie im Rausch“ ihre erste Prosaarbeit (bisher Theaterautorin).
Grob betrachtet handelt es sich um eine Familiengeschichte über vier Generationen an unterschiedlichen Schauplätzen (Moskau, Czernowitz, Berlin, Odessa etc).  Russisch-jüdische Erinnerungen, Migration und der Gebrauch verschiedener Sprachen gehören zu den autobiografischen Anknüpfungspunkten.
Die rastlose Suche Alissas nach ihrem Zwillingsbruder Anton in Istanbul bestimmt die Erzählweise und Bildsprache des Romans.
„Außer sich“ sind die handelnden Figuren auch in der Frage nach ihrer Gender-Identität, mithilfe von Testosteron verwandelt sich Ali/Alissa schrittweise in ein Er.
Dieser faszinierende Text trifft in vielerlei Hinsicht den „Puls der Zeit“, er wird in 13 Sprachen übersetzt.

Allgemein: BR Fernsehen/ puzzle
www.youtube.com/watch?v=E8W_Y5jvFXM

sashamariannasalzmann.com/ausser-sich/

http://www.suhrkamp.de/sasha-marianna-salzmann/ausser-sich_1462.html

Buchtrailer
www.youtube.com/watch? v=0wrOBu2N6ZA

über 'Muttersprache Mameloschn' www.youtube.com/watch?v=GgtLypt9Lns

über Migration:
www.youtube.com/watch?v=-GsOaTAVAGI

 

Ingo Schulze. Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst.  (2017)

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Was liegt näher als sich in verwirrenden Zeiten einer Erzählform zu bedienen, die in der Zeit des Barock Eingang in die deutschsprachige Literatur gefunden hat?
Wie viele Beispiele gäbe es aufzuzählen, in denen ein „Simplicius“ mit seiner schrägen Ich-Perspektive Erhellendes über die jeweilige Epoche aussagte?
Ingo Schulze nimmt unsere Ratlosigkeit über die Vorgänge an den Finanzmärkten zum Anlass, ein Kind auf seinem Weg aus dem „real existierenden Sozialismus“ in die Glücksversprechungen der Nach-Wende-Zeit zu begleiten. In immer skurrileren Episoden (in politischen, kirchlichen, künstlerischen Milieus) erweist sich Peter Holtz als wahrer „Hans im Glück“.  Schließlich stimmt man Peters drastischer Methode, diesen Kreislauf der Geldvermehrung zu unterbrechen, überzeugt zu.

Buch I
Erstes Kapitel
In dem Peter ohne einen Pfennig in der Tasche eine Gaststätte aufsucht und erklärt, warum er das für richtig hält. Überlegungen zum Stellenwert des Geldes im Sozialismus.

An diesem Sonnabend im Juli 1974, acht Tage vor meinem zwölften Geburtstag, weiß ich noch nichts von meinem Glück . . .

Ein geistreicher und humorvoller Roman voller Hinweise auf reale Vorkommnisse.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/ingo-schulze-peter-holtz-neues-licht-auf-das-deutsch.1270.de.html?dram:article_id=395214

http://www.ndr.de/kultur/buch/Ingo-Schulze-Peter-Holtz-Sein-glueckliches-Leben-erzaehlt-von-ihm-selbst,peterholtz100.html

Interview:
https://www.fischerverlage.de/buch/
peter_holtz/9783103972047?utm_source
=GOS&utm_medium=SEA&utm_campaign=
SCHPE

Porträt + Leseprobe:
http://www.ardmediathek.de/radio/ARD-Radiofestival-2017-Lesung/Ingo-Schulze-liest-Peter-Holtz-für-das/ARD-Radiofestival/Audio?bcastId=43536754&
documentId=44470278

Ergänzung: Olaf Schubert erklärt den Kapitalismus

https://www.youtube.com/watch?v=-gYoU7-rouU

 

Kurt Palm »Strandbadrevolution« (2017)

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Der 1955 in Vöcklabruck geborene, promovierte Germanist (1983 Vom Boykott zur Anerkennung. Brecht und Österreich) und vielseitig kreative Erneuerer diverser literarischer, musikalischer und filmischer Sparten überrascht in diesem Jahr das Lesepublikum mit einem Roman.
Die Handlung spielt im Sommer 1972 in einem Ort in der Provinz und weist einige Berührungspunkte mit der Biografie des Autors auf – z.B. die 1944 aus Jugoslawien geflohenen Großeltern und Eltern. Das Familienleben, Freunde, ein Inder, der im Kraftwerk ein Praktikum absolviert, Kleidung, die Haartracht, Songtexte (immer wieder Rolling Stones), Zeitungsberichte über den Vietnamkrieg (oft aus der „Volksstimme“), die aus einer Buchhandlung entwendeten, prestigebringenden Bücher von Camus, Sartre, Adorno etc, Filme, Konzerte lokaler Bands und der Plan zu einer „Aktion“  vermitteln die Atmosphäre der Welt, in der sich die Jugendlichen bewegen.    
Die im Herbst drohende Nachprüfung in Französisch wird angesichts der vielen im Strandbad weilenden, attraktiven Mädchen schnell vergessen.
Wenn es am schönsten ist, muss einer mit noch längeren Haaren antanzen und einem das Mädchen ausspannen: „Der kommt sicher von auswärts, dachte ich geschockt, vielleicht sogar aus Wels.“ (S. 96)
Früh tauchen im Text kursiv gesetzte Schreibversuche des Ich-Erzählers auf. Sie werden ausführlicher, handeln von 1979 und 1984 und enden schließlich immer mit den Worten:  Aber das konnte ich im Sommer 1972 natürlich nicht wissen.
Die Ausblicke verleihen den Ereignissen dieses Sommers eine erweiterte, auch tragische Perspektive. Die teilweise ironisch gefärbte Erzählweise (Campingurlaub in Jugoslawien) macht klar: Es gibt keinerlei Anlass, diese Zeit zu romantisieren.
http://www.palmfiction.net/blog/about/

Rückblick – eine kleine Auswahl
1989 – 99 Produktionen des Sparvereins die Unz-Ertrennlichen
1994-96  TV-Produktion: "Phettbergs nette Leit Show"
Film-Dokumentationen aus ungewohntem Blickwinkel, im neuen Tonfall:
Adalbert Stifter (2003)  Der Schnitt durch die Kehle.
http://www.fischerfilm.com/produktionen/der-schnitt-durch-die-kehle/
W.A. Mozart  (2004)  Der Wadenmesser oder das wilde Leben des Wolfgang Mozart.
Interview: http://www.austrianfilms.com/news/

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Beide Filme um €9,99:  
http://shop.orf.at/1/shop.tmpl?
art=3674&lang=DE 

Immer wieder: Gmundner Festwochen:
derstandard.at/2000042542262/Kurt-Palm-Von-
Skandalen-und-Liebesgedichten


Sein Bestseller "Bad Fucking" (2010) wurde 2011 mit dem Friedrich Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi des Jahres ausgezeichnet.
https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/kurt-palm

 

Angelika Mechtel. Die Prinzipalin (1994)

neuber

Welche Fragen an das Leben einer Theaterprinzipalin des 18. Jahrhunderts mögen eine 1943 in Dresden geborene Autorin wohl zu den umfangreichen Recherchen und der kunstvollen Gestaltung des „Materials“ bewogen haben?
Zunächst war es sicher die Faszination von einer Frau, die 1697 als Friderike Caroline Weißenborn im Vogtland geboren, zunächst gemeinsam mit ihrer früh verstorbenen Mutter ungeheuer unter dem despotischen Vater, einem Advokaten, litt, 1717 mit Johann Neuber floh, den sie im Jahr darauf heiratete. Sie schlossen sich einer Theatertruppe an und gründeten wenige Jahre später in der Messestadt Leipzig die Neubersche Komödiantengesellschaft. Welche Verdienste die „Neuberin“ für die Entwicklung des deutschsprachigen Theaters hat, kann in jeder Biografie nachgelesen werden. Der in ein Vorspiel, 4 Teile mit Zwischenspielen und Nachspiel gegliederte Roman schildert auf verschiedenen Zeitebenen Stationen der gebildeten, starken und humorvollen Prinzipalin. Sie muss sich nicht nur gegen ihre männlichen Konkurrenten durchsetzen, sondern auch die Spielregeln der Feudalgesellschaft zu Gunsten ihrer Theatertruppe einsetzen. Die in vielen Genres versierte Autorin schafft einfühlsame Porträts von Menschen aller gesellschaftlicher Schichten und lebendige Szenen des Alltagslebens dieser Jahrzehnte: der Reisen, der Pflege der Theaterperücken bis zu den seltenen Einladungen an einen Fürstenhof.
Mit dieser Arbeit kehrte Mechtel „nach der Wende“ wohl auch an Schauplätze ihrer Kindheit zurück – die Neuberin starb 1760 verarmt in Laubegast/Dresden, ihr Grab befindet sich am Leubener Friedhof.
Die Autorin starb 6 Jahre nach Erscheinen des Romans mit 56 Jahren und ließ ihre Asche in einer Bucht von Puerto Rico verstreuen, wo sie viele Jahre mit dem Schriftsteller Gerd E. Hofmann gelebt hatte. Ihm hatte sie den Roman gewidmet.
Das Rätsel des Lebens habe ich noch nicht gelöst. Gibt es eines zu lösen? Gilt es nicht, ganz einfach nur zu leben?
Mechtel. Krebstagebuch 1990

"Was ist das menschliche Leben anderes als eine Komödie oder ein Schauspiel, wo einer in dieser, der andere in jener Larve auftritt und seine Person agiert, bis ihn sein Prinzipal wieder abtreten heißt?"
Erasmus von Rotterdam

http://www.mechtel.de/home.htm

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/
biographie/angelika-mechtel/


http://www.zeno.org/Literatur/M/Neuber,
+Friederike+Caroline/Biographie


http://www.dresden-lese.de/index.php?article_id=238


Günther Weisenborn. Die Neuberin (Schauspiel 1934, zusammen mit Eberhard Keindorff)
Hörspiel Günther Weisenborn 1951:

http://oe1.orf.at/hoerspiel/suche/2724
 
Käthe Dorsch als Neuberin

Film: https://de.wikipedia.org/wiki/
Komödianten_(1941

Käthe Dorsch als Neuberin

2010 zum 250. Todestag:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/
reformerin-des-theaters.
932.de.html?dram:article_id=131005

 

David Großmann
Kommt ein Pferd in die Bar.
Übersetzung: Anne Birkenhauer(2016)

pferdekopf

Ein Romantitel in Anlehnung an einen Kneipenwitz? Tatsächlich baut der bekannte Autor (er verlor im Libanonkrieg einen seiner Söhne) den Roman raffiniert und pointiert auf wie einen gut erzählten Witz: Der Stand-up-Comedian Dovele Grinstein bemüht sich an seinem 57. Geburtstag die Erwartungen seines Publikums im Kellerlokal der israelischen Stadt Netanja zu erfüllen. Immer wieder flicht er unterschiedlichste Witze in sein Programm ein. Wegen seiner artistisch und skurril vorgetragenen tragischen Erinnerungen verlassen im Laufe des Abends Menschen  in größeren und kleineren Gruppen die Vorstellung. Erinnerungen und Ängste plagen den Großteil von ihnen ohnehin, sie wollen abgelenkt und unterhalten werden. Einige von ihnen kennen den Künstler seit ihrer Kindheit, einige scheinen mit ihm verwandt zu sein.
Erzählt wird aus der Perspektive seines Jugendfreundes, Avishai Lazar, eines pensionierten Juristen. Seit der dramatischen Situation, als sie beide 14 Jahre alt waren, verdrängt er, dass er Dovele damals nicht zur Seite stand. Vor kurzem  erhielt er einen Telefonanruf mit der Bitte, in diese Vorstellung zu kommen.In selbstzerstörerischem Tempo führt der Künstler u.a. vor, wie er seit frühester Kindheit seine durch die Shoah schwer traumatisierte Mutter mit kleinen komödiantischen Vorführungen manchmal zum Lächeln brachte. Das auf den Händen Laufen entwickelte er zu einer solchen Perfektion,  dass diese Körperhaltung auch ihm Schutz vor Kränkungen  bot.
Diese Form der Fortbewegung setzt er auch an jenem Tag ein, als er nach einer wilden Parforce-Fahrt mit einem Militärfahrzeug vom Jugendcamp bei der Beerdigung in Jerusalem  ankommt. . . .

Ein faszinierendes und berührendes Buch; der „Zauberer“ entblößt sein Ich, das imaginierte Publikum und zieht uns Lesende in seinen Bann.  

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/
buecher/in-der-eigenen-hoelle/story/19836217

https://cms.falter.at/falter/rezensionen/
buecher/?issue_id=622&item_id=
9783446250505

http://derstandard.at/2000031832494/David-Grossmans-Kommt-ein-Pferd-in-die-Bar-Alles-andere

http://oe1.orf.at/artikel/436162

Interview
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/
buecher/autoren/david-grossman-im-gespraech-ich-bin-verbannt-auf-die-insel-der-trauer-12698504-p4.html

 

Mathias Énard. »Kompass« (2016) 
»Boussole« (2015)

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller

HainfeldSchloss Hainfeld  bda.at

Die Rezeption dieses Romans bestätigt dessen Quintessenz: Es fand und findet ein steter Austausch zwischen Europa und dem sogenannten Orient statt:
Im Februar 2016 war in einer Glosse der österreichischen lachsfarbenen Tageszeitung zu lesen, dass in einem 2015 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten französischen Roman die Hauptfigur in einem Wiener Kaffeehaus ebendiese Zeitung lese. Sein Teint korrespondiere mit deren Farbe. Thema und Tonfall machten neugierig.
Ab August lag die Übersetzung ins Deutsche vor und die Lektüre übertraf alle Erwartungen.
Das Zitat aus „Die Winterreise“ als „Intro“ lässt das Grundmotiv erahnen:
Die Augen schließ’ ich wieder,
Noch schlägt das Herz so warm.
Wann grünt ihr Blätter am Fenster?

Wann halt’ ich mein Liebchen im Arm?
Gemeinsam mit dem Wiener Musikwissenschaftler und Orientalisten Franz Ritter lassen wir uns Stunde um Stunde durch eine schlaflose Nacht treiben. Per Post (!) hat er aus Borneo den Vorabdruck eines wissenschaftlichen Artikels erhalten. Er stammt von Sarah, der schönen französischen Orientalistin, die er vor ungefähr 20 Jahren bei einem Kolloquium internationaler Fachleute im steirischen Schloss Hainfeld kennen gelernt hat.  (Dort wohnte ab 1835 der bedeutende Forscher und Übersetzer Joseph von Hammer-Purgstall– er beeinflusste u.a.Goethe und Rückert; dessen „Kindertotenlieder“ wurden auch von Gustav Mahler vertont und ziehen sich als weiterer roter Faden durch den Roman.)
Auf atmosphärische Erinnerungen an weitere, nicht immer beglückende Begegnungen mit Sarah in Istanbul, Damaskus, Aleppo, Palmyra, Paris und Wien folgen kenntnisreiche Exkurse über die mannigfachen gegenseitigen Einflüsse zwischen Orient und Okzident in Kunst und Kultur. (Der gelehrte Gedankenaustausch nennt zahllose Beispiele  aus Musik, Literatur und Malerei. Bei ihrem letzten Wienbesuch entzündete sich die Debatte an Hofmannsthals These von Wien als „Porta Orientalis“.)
Die Sehnsucht und Sinnsuche der Europäer im Orient wird anhand einiger Anekdoten durchaus ironisch beschrieben. Sarah ist neben ihrer Begeisterung für die altpersische Literatur fasziniert von der Schweizer Weltreisenden  Annemarie Schwarzenbach, die im frühen 20. Jahrhundert ebenso auf der Suche war wie sie selbst. (Ihrem langjährigen Vertrauten Franz Ritter hat sie vor Jahren in neckischer Anspielung einen Kompass geschenkt, auf dessen magnetische Nadel im rechten Winkel eine zweite befestigt ist: Sie zeigt nach Osten!)

Geradezu exstatische Freude bereitet ihr Franz, als er ihr den Link zu einem bosnischen Liebeslied in der Tradition der Sevdalinka zusendet. Dessen Text führt zu Heinrich Heines Gedicht „Der Asra“ zurück.
Allein dieses Beispiels wegen lohnt die Lektüre dieses vielschichtigen Romans.
Als  die ersten Vögel zu hören sind und Franz aufsteht, trifft ein Mail ein . . .

Interview: http://derstandard.at/2000043756286/
Mathias-Enard-Immer-gibt-es-einen-Orient

TV-Interview: https://www.zdf.de/kultur/aspekte/mathias-enards-orient-roman-kompass-102.html

Leseprobe: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/kompass/978-3-446-25315-5/

http://www.deutschlandfunk.de/mathias-enard-kompass-roman-einer-schlaflosen-nacht.700.de.html?dram:article_id=368714

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Asra

 

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Michael Kumpfmüller. Die Herrlichkeit des Lebens. Roman (2011)

Der Autor (geb. 1961), changierend zwischen journalistischer und wissenschaftlicher Arbeit, findet einen feinfühligen Zugang zu den letzten Lebensmonaten Franz Kafkas.
Dessen Tagebücher (Der Titel entstammt einer Eintragung des Jahres 1921.), Briefe und letzten Texte gehen eine inhaltliche und stilistische Symbiose mit der faszinierenden literarischen Annäherung ein.  „Der Doktor“, schließlich „Franz“ begegnet Dora Diamant in einem Ostseebad, lebt dann in der Zeit der galoppierenden Inflation mit ihr kurz in Berlin. Er beugt sich dem Verbot ihres Vaters zu einer Heirat und stirbt schließlich in Kierling in der Nähe von Wien: Aber er ist wach, er lächelt, er nickt, bevor er vor Erschöpfung die Augen schließt. Gegen Mittag in ihren Armen stirbt er. (S. 297)
Zugfahrten, Telefonate, Geldüberweisungen, Wohnungssuche sind ebenso Themen dieses leisen Romans wie die heitere Zuwendung der beiden Liebenden.  Wir werden belohnt mit einem neuen Blick auf  Kafkas Persönlichkeit und dem Anstoß, uns mit Dora Diamant und den in dieser Zeit entstandenen Texten zu beschäftigen.

Lesprobe:
Text:

http://www.fischerverlage.de/media/fs/308/LP_978-3-596-52039-8.pdf

Lesung:
http://www.kiwi-verlag.de/buecher/videos-und-buchtrailer/lesung-michael-kumpfmueller-die-herrlichkeit-des-lebens.html

http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/kafkas-komplizin-1.18280848

Dora Diamant:  http://www.dieterwunderlich.de/Dora-Diamant.htm

Marie von Ebner-Eschenbach 
(1830-1916) zum 100. Todestag

faecher

Literaturinteressierte wissen, dass die berühmte österreichische Vertreterin des Poetischen Realismus ihre Lebensdaten mit Kaiser Franz Joseph gemeinsam hat.
Sind ihre Werke für Generationen durch die verpflichtende Schullektüre für immer verloren?
Aktuelle Forschungen analysieren die Texte unter anderen – neuen Aspekten.
Neben den regionalen Bezügen zu ihrer Heimat Mähren wählt die aus einer adeligen Familie stammende Autorin, die viele Sprachen beherrschte, ihre Haupt-Figuren immer wieder aus sogenannten »unteren sozialen« Schichten. Deren Lebensbedingungen beschreibt sie mit viel Einfühlungsvermögen.   
Gesellschaftliche Missstände und Umbrüche werden Teil der Handlung, die oft märchenhaft  positiv endet. Ihrem 1887 erschienenen Roman »Das Gemeindekind« stellt sie ein Zitat von  George Sand (eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil) voran.

Die größte Ablehnung und den bissigsten Spott erntete Marie v. E.-E. von Männern ihrer eigenen Gesellschaftsschicht.
Sie war fast 60 Jahre, als sie als Dichterin Anerkennung erlangte:
Aphorismus:
»Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Männer«

Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts
Marie von Ebner-Eschenbach - Eine Biographie

http://www.residenzverlag.at/
?m=30&o=2&id_title=1817

http://diepresse.com/home/spectrum/
literatur/4944508/Ein-Zimmer-fur-sich-allein

Zum Thema Pseudonym und Verschwinden: Elena Ferrante. Meine geniale Freundin.
Nein heißt Nein: Iris Radisch zur sogenannten »Enthüllung« der Identität der Autorin:

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-10/
elena-ferrante-identitaet-schriftstellerin-kommentar

 

aurora

Annibale Carracci »Aurora« 16.Jh
Museo Condé Chantilly.

Stefan Zweig (geb. 1881 in Wien, Freitod gemeinsam mit Gattin Lotte 1942 in Petrópolis, Brasilien)

Im 135. Jahr nach seiner Geburt  und der steten Aktualität der Gedanken des Autors, scheint es angemessen, an sein Leben und zumindest 2 seiner Werke  zu erinnern.
Außerdem gilt es einen hervorragenden Film zu besprechen.

»Die Sternstunden der Menschheit«enthalten  14 „historische Miniaturen“, deren erste fünf 1927 erschienen. Wie breit das Geschichtsverständnis Zweigs ist, zeigen bereits 3 Beispiele: 1453 Die Belagerung Konstantinopels, 1741 Entstehung von Händels Oratorium Messias, 1858  Verlegung des ersten Transatlantischen Kabels.

Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte. Einige solcher Sternstunden – ich habe sie so genannt, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen – versuche ich hier aus den verschiedensten Zeiten und Zonen zu erinnern. Nirgends ist versucht, die seelische Wahrheit der äußern oder innern Geschehnisse durch eigene Erfindung zu verfärben oder zu verstärken.
Aus: Vorwort zu „Sternstunden der Menschheit“

»Die Welt von Gestern, Erinnerungen eines Europäers«
Entstehung: 1939 bis 1941 im Exil, erschienen 1944 in Stockholm.

Denn losgelöst von allen Wurzeln und selbst von der Erde, die diese Wurzeln nährte, – das bin ich wahrhaftig wie selten einer in den Zeiten. Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger, aber man suche sie nicht auf der Karte: sie ist weggewaschen ohne Spur. Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege.
Aus: Vorwort „Die Welt von Gestern“

http://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/
Biographien/Zweig,_Stefan


http://gutenberg.spiegel.de/autor/stefan-zweig-667

Vor der Morgenröte. Regie: Maria Schrader (2016)
In ästhetisch – tableauartiger Kompoaition werden 6 Episoden an verschiedenen Schauplätzen (z.B. Schriftstellerkongress in Buenos Aires, Wohnung in New York, Umgebung und Innenraum des Hauses in Petrópolis)  und die jeweiligen Stimmungslagen des weltberühmten Autors im Exil gezeigt. (Josef  Hader ist mit seinem nuancenreichen Spiel die ideale Besetzung.) Selten wird in einem Film so viel gesprochen: Österreichisches Deutsch in privatem Rahmen, mit Kollegen aus Deutschland und auf Pressekonferenzen  „Hochdeutsch“, Spanisch nur abseits des Offiziellen; immer wieder ist das Ehepaar auf Dolmetscher angewiesen. . . . Die „Morgenröte“ scheint in zu weiter Ferne.

Stefan Zweigs Abschiedsbrief:

Declaracão
Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und [Streichung] meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.
Aber nach dem sechzigsten Jahre bedürfte es besonderer Kräfte, um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die [Streichung] langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschliessen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.
Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.
Stefan Zweig 
Petropolis 22.II1942

https://de.wikisource.org/wiki/Abschiedsbrief_Stefan_Zweigs

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=0V2qDEZfx48

Interview Maria Schrader:
https://www.youtube.com/watch?v=
3wLiyFyfuB4


http://www.zeit.de/kultur/film/2016-05/vor-der-morgenroete-maria-schrader-biopic-stefan-zweig

André Heller: Das Buch vom Süden.
Roman (2016)

boecklin

Arnold Böcklin »Die Toteninsel« (1880)

Nur im Süden ist Rettung . . . Ihr habt die Zypressen der Monarchie nicht mehr gekannt… Alles ist leichter im Süden. Im übertragenen und auch im wirklichen Sinn.
Diese und ähnliche Sätze pflegt Julian Passauers  Vater, stellvertretender Direktor des Naturhistorischen Museums, in Gespräche einzuflechten. Dass er nun auf den Reisen zu den geliebten Orten seinen Pass vorweisen muss,  verzeiht er den ehemaligen „Majestäten“ nicht. Alle Personen, die Julians Kindheit in Schönbrunn begleiten, verströmen die Melancholie der untergegangen Welt. Nach der vom Vater finanzierten „Kavalierstour“ nimmt sich ein Meister des Kartenspiels des jungen Mannes an. Beim Pokerspiel lernt er, was er später vorzüglich  brauchen wird, um als „fleißiger Taugenichts“ leben zu können: Ruhe und Menschenbeobachtung.  In der üppigen Vegetation der Gärten am Gardasee entfalten sich alle  Talente  Julians zur vollen Blüte,  nicht zuletzt  unter dem Einfluss geheimnisvoller Frauen.  
Ein Buch, das alle Sinne anspricht, barock, leichtfüßig-ironisch und philosophisch  zugleich.

http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/
kulturwelt/buchkritik-andre-heller-das-buch-vom-sueden-100.html

http://www.zeit.de/2016/19/andre-heller-das-buch-vom-sueden-romandebuet

http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/andre-hellers-roman-das-buch-vom-sueden-jenseits-der-verlorenheit-ld.81971

http://derstandard.at/2000036007202/Andre-Heller-In-den-Duftbezirken-der-Fluechtigkeit

 

Peter Rosei. Die Globalisten (2014)

gold_kugel

"Wir versuchen doch alle nur, auf der goldenen Kugel zu tanzen, ganz egal, wie und wohin sie rollt“,  lässt der Autor eine seiner Figuren sagen. Wie in seinen Romanen „Geld“ (2011)  und „Madame Stern“ (2013) bewegen sich Männer und Frauen unterschiedlichen Alters ausgehend von Wien in verschiedene Richtungen, um der offensichtlich alleingültigen Logik unserer Zeit zu folgen. Sprachlich und stilistisch  charakterisieren die einzelnen Kapitel die Protagonisten entweder in ironischer Distanz oder anhand der Dialoge in ihrer entlarvenden, groben Verderbtheit.
Ein Kunstprojekt soll durch den bisher eher erfolglosen Schriftsteller Josef Maria Wassertheurer (welch ein Name!) ausgerechnet im literaturgeschichtlich so traditionsreichen Salzkammergut  verwirklicht werden.  Eine amüsante, bissige Abrechnung mit Auswüchsen unserer „globalisierten Welt“ und ihrer Spiegelung im Medien- und Kulturbetrieb.

http://oe1.orf.at/artikel/386693


http://www.literatur-blog.at/2014/10/peter-rosei-die-globalisten/


http://traunsee.salzkammergut.at/griass-di/oesterreich/veranstaltung/430116798/salzkammergut-festwochen-ein-fest-fuer-peter-rosei-es-zeigt-sich--tag-1.html

 

Monique Schwitter. Eins im Andern (2015)

come

Samuel Beckett Come and go.
Kurzdrama (1965/66)
Becketts Anweisungen für das Händereichen am Ende des Spiels
wikimedia.org/wiki/

„Was, wann, wo“ steht über den jeweils mit einem Männernamen, einem Motto und Orts- und Zeitangaben versehenen 12 Kapitel-überschriften.  Der Schreibprozess der Ich-Erzählerin scheint etwas ins Stocken geraten (Gatte mit Spielsucht, zwei kleine Kinder).  Eine spontane Internetrecherche erschreckt mit folgender Nachricht: Petrus, ein ehemaliger Geliebter, hat sich vor 4 Jahren aus dem Fenster gestürzt. Die Erinnerungen an Silvester 1992 bringen den Erzählfluss wieder in Gang. Die Spielarten der Liebe  werden anhand  von ehemaligen Bekannten in Anlehnung an die 12 Apostel erprobt. Ihr Mann soll unbedingt die Nr. 12 sein. Die sich in viele Äste verzweigende Handlung erhält so eine Struktur.
Aber welche Mikrokosmen, Lebensentwürfe und großartigen Dialoge erwarten uns! (Ich-Erzählerin und Autorin waren schließlich einmal Schauspielerinnen.)
Menschen bewegen sich – oft  in unpassendem Schuhwerk -  in ihnen feindlich gesinnter Natur,  Tiere (Hund, Ratten, Pinguin) sind treue, verstörende, auch groteske Begleiter.
Versatzstücke aus den christlichen Religionen und Anklänge an literarische  Werke (Beckett, der Sandmann Nathanael, Woyzeck, Lessing etc) dienen der Annährerung und Distanz. (Karoline von Günderodes  Gedicht „Die eine Klage“, erschienen 1804, thematisiert die Verzweiflung  über den Verlust des „Eins im Andern sich zu finden“.)
Diese Stimmungslage teilt die Ich-Erzählerin nicht, wie im folgenden Gespräch deutlich wird:
http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/lesezeichen/lesezeichen-gespraech-328.html

Porträt – Lesung – Jurydiskussion

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2709277/

 

Moritz Rinke. Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. (2010)

paula_modersohn

Paula Modersohn-Becker: Moorgraben,
1900 bis 1902  (www.wikipedia.org)

Das vergangene Jahrhundert hatte es wahrlich in sich: Auch in Deutschland verließen Künstler ihre Ateliers und suchten sich möglichst abgeschiedene Orte, wo sie eindrucksvolle  Naturphänomene, z.B. Moorlandschaften,  malen konnten. Kürzlich feierte man in Worpswede – in der Nähe von Bremen –  das 125-jährige Bestehen der Künstlerkolonie um Fritz Markensen mitten im bäuerlichen  Umfeld von Viehzüchtern und Torfbauern.
Das von den Dorfkindern pünktlich zur Mittagszeit in Platt gerufene „Mahltiet“  legt einen der verwirrend verknüpften Handlungsfäden. Der auf  Anordnung seiner in Lanzarote lebenden Mutter zur Rettung des Familienhauses am Rande des Moores  aus Berlin angereiste, erfolglose Galerist Paul Wendland-Kück, geb. 1967, erinnert sich an seine Kindheit als Sohn und Enkel von Künstlern im Dorf. Die riesengroßen Bronzefiguren (von Luther, Willy Brandt, zwei Frauen der Familie bis zu Ringo Starr) seines Großvaters  werden von einem  Onkel  (abschätzig mit dem Namen Nullkück versehen) mit Seilen an der Eiche des Gartens vor dem Versinken im Moor bewahrt. Weitere Fäden der Handlung führen zu den  im Schatten der Gründergeneration stehenden Großeltern und zu den Eltern, sogenannten 68ern. Viele Geheimnisse umgeben nicht nur  die NS-Zeit, sondern auch die Elternschaft von Personen. Mit Augenzwinkern wird das Zusammentreffen verschiedenster Menschen in skurrilen Situationen erzählt. Paul findet nach der Spurensuche in Worpswede für sein eigenes Leben Boden unter den Füßen.
Der bisher vor allem als Dramatiker bekannte  Autor stammt auch aus diesem Ort.  Seine Einschätzung und eine Leseprobe sind unter dem folgenden Link  zu hören:

https://www.youtube.com/watch?v=cAYGR0paQyk

http://www.deutschlandfunk.de/die-buddenbrooks-von
worpswede.700.de.html?dram:
article_id
=84650

 

Rafik Schami.
Das Geheimnis des Kalligraphen. (2008)

damaskus

http://www.klett-map.de

Seit vielen Jahren  begleiten uns die Texte des in Damaskus geborenen und seit 1971 im Exil in Deutschland lebenden Autors. Der promovierte Chemiker veröffentlichte unter seinem Pseudonym (übers. Damaszener Freund)  zahlreiche  Märchen, Kinder- , Jugendbücher und  Romane, die orientalischen Themen  und Erzählformen verbunden bleiben.
Über die Figur des in den 50er Jahren in Damaskus arbeitenden Kalligraphen Hamid Farsi erhalten wir Einblicke in dieses höchst künstlerische, aber auch politisch immer brisante „Handwerk“.  Mit dem Gerücht, seine schöne Frau Nura sei verschwunden, wird der Handlungsreigen um deren Familie und Menschen am Rande der Gesellschaft erweitert.
Ein sinnlich und spannend erzählter, auch lehrreicher Roman, angesiedelt in der Welt der Großeltern der gerade in Europa Schutz suchenden Menschen aus Syrien.

Ausschnitt aus Interview:
Scheck: Sie haben mal gesagt, Sie schrieben deutschsprachige Literatur syrischer Herkunft. Ist das heute noch genauso?
Schami: Es ist genauso, würde ich sagen. Solange ich über Damaskus schreibe, dann kommt dieser Geruch von Damaskus. Ich schreibe natürlich auf Deutsch, und sehr gerne. Ich liebe die deutsche Sprache. Aber die Bilder – Sie sind ein großer Leser – die Bilder sind eher syrische Bilder, die Aufenthaltserlaubnis in der deutschen Sprache bekommen haben.

http://www.deutschlandfunk.de/
rafik-schami-zu-syrien-eine-vererbte-
demokratie-ist-keine.700.de.html?
dram:article_id=328836

http://www.hanser-literaturverlage.de/
buch/das-geheimnis-des-kalligraphen/
978-3-446-23051-4/

http://www.literaturcafe.de/
rafik-schami-interview-das-
geheimnis-des-kalligraphen-
buchmesse-podcast-2008/

Ausblick:
Sophia oder Der Anfang aller Geschichten. (2015)

http://www.3sat.de/mediathek/
?mode=play&obj=54637

 

Adriana Altaras
Titos Brille: Die Geschichte meiner strapaziösen Familie (2011)

spalto

Die 1960 in Zagreb geborene und jetzt in Berlin lebende Schauspielerin, Regisseurin, Dozentin an der UdK usw. veröffentlichte 2011 ihr erstes Buch. Der große Erfolg ermutigt die Autorin, den Vorschlag von Regina Schilling aufzunehmen. Es entsteht ein interessanter, heiterer, oft nachdenklich machender Dokumentarfilm. (2014)
Es wird deutlich, dass über jüdische Familiengeschichten immer noch viele Einsichten über das vergangene Jahrhundert und die Gegenwart zu gewinnen sind.

http://altaras.eu/altaras/

http://www.welt.de/kultur/kino/
article135309104/
Der-Versuch-die-Geister-der-Familie-loszuwerden.html

http://www.br.de/radio/bayern3/inhalt/kino-und-dvd/
filmkritik-titos-brille100.html

Trailer u. Besprechung:

https://www.youtube.com/
watch?v=zSjX_UZlmWg

http://www.emma.de/artikel/
adriana-altaras-juedische-mutter-318105

Gespräch mit Altaras:
http://www.3sat.de/mediathek/?
mode=play&obj=41575

Ursula Krechel. Shanghai fern von wo (2008)

shanghai33Shanghai 1933

Shanghais exterritorialer Hafen ist  für ca
18 000 Menschen, die „in letzter Sekunde“ – bis Anfang 1940 -  vor dem NS-Terror flüchten, die letzte Hoffnung. Sie nehmen die neunwöchige Schiffsreise  und die  Auflage, nur RM 10,- ausführen zu dürfen, auf sich. Es besteht keine Visumspflicht! Sie treffen auf eine  verwirrende  Stadt, eine schwüle „Spielhölle“, in welche  außerdem die letzten beiden Jahrzehnte  Flüchtlinge vor  Krisen und Kriegen  im ostasiatischen Raum gespült haben.  Wie sollen Buchhändler, Kunsthistoriker, die Gattin eines  ehemaligen Anwalts uvm  aus  Mitteleuropa  hier überleben?  Die  offiziell Staatenlosen sehen sich Schikanen durch das Auswärtige Amt
Nazi-Deutschlands und das deutsche Konsulat ausgesetzt, die in den die Stadt okkupierenden Japanern  willfährige Verbündete  gefunden haben.
Diesem Roman gehen  jahrzehntelange Recherchen und Gespräche der 1947 geborenen Autorin voraus.  Anhand der  Geschichte einiger konkreter Personen entsteht vor unseren Augen ein bedrückendes Panorama. (In vielerlei Hinsicht schwierig gestaltete sich die Rückkehr  nach Europa.)
Eine der Personen ist Franziska Tausig, die Mutter des  2011 verstorbenen Schauspielers (er überlebte dank eines der Kindertransporte nach England). Sie  soll  wegen des Fehlens von Äpfeln zur Erfinderin der Frühlingsrolle geworden sein.  Dem Sarg ihres Mannes darf  sie nur alleine  aus dem inzwischen errichteten Ghetto zum Friedhof folgen.
Bei ihrer Ankunft am Wiener Westbahnhof  geht ein junger Mann auf sie zu und fragt: „Gnädige Frau, sind Sie  vielleicht  meine Mama?“
Ein Roman, der in Titel, Inhalt und Erzählform eindrücklich übermittelt,  was es bedeutet,  auf der Flucht zu sein.

https://www.perlentaucher.de/
buch/ursula-krechel/shanghai-fern
-von-wo.html

http://oe1.orf.at/artikel/213435

http://danielgraf.net/rezensionen/
ursula-krechel-shanghai-fern-von-wo/

 

Egyd Gstättner. Das Geisterschiff.
Ein Künstlerroman (2013)

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Auchentallers Pension Fortino in Grado.
Foto: © Historische Postkarte
http://austria-forum.org

„Wir bringen die Jahrhundertwende in den Süden! Wir bringen den Jugenstil an die Adria!“

Von Geisterschiffen berichten Geschichtsschreibung und Märchen. Sie dienen  allen Sparten der Kunst als Topos. Grado  ist für Menschen auf der Flucht entstanden.
Josef Maria Auchentaller (1865-1949)  ist in der frühen Zeit der Secession einer der erfolgreichsten Wiener Künstler des Jugenstils. Der kränkelnden Tochter wird der Aufenthalt am Meer geraten (ab 1902).  Die Gattin Emma gibt in Grado einen Hotelbau in Auftrag, er soll vom Meer aus wie ein Schiff aussehen. Der Architekt Julius Mayreder  verwirklicht die Idee, Auchentaller übernimmt die Außen- und Innengestaltung des Pension Fortino genannten Hauses. Die Gäste kommen in Scharen, nicht nur ehemalige Künstlerkollegen. Emma leitet als „erste Hotelchefin im österreichischen Küstenland“ den Betrieb.
Auchentaller erhält zunächst auch abseits der Metropolen Plakataufträge,  er entwirft Schmuck. Dann malt er Ölgemälde seiner Familie und bekannter Personen und immer wieder den Blick  aus seinem Atelierfenster. (Beeindruckend die riesigen Glocken der naheglegenen Kirche Sant´Eufemia.) 
In den folgenden Jahrzehnten brechen immer wieder politische Veränderungen  in das Leben der Famlie ein. Das Ende  der Monarchie bedeutet für Österreich den Verlust des Zugangs zur Adria. Wien rückt in weite Ferne. Er ist endgültig vom kulturellen Leben und seinen Verdienstmöglichkeiten abgeschnitten.
Ab 1942 wird das Hotel zum „Geisterschiff“, hier erwarten Emma und ihr Gatte den Tod.

Der Autor verleiht dem Künstler  eine Stimme, nur selten wird eine andere Perspektive gewählt. Wir werden Zeugen seiner Verzweiflung angesichts des Selbstmordes seiner Tochter (Arthur Schnitzler ist Gast in Grado, auch dessen geliebte Tochter wählt den Freitod.), sein Sohn wird glühender Mussolini-Verehrer. Die mit Verspätung eintreffenden österreichischen Zeitungen sind für ihn Vermittler der Todesmeldungen vieler früherer Weggefährten. 
Neben der Annäherung an eine sensible Künsterpersönlichkeit erhalten wir Einblicke in den Kunstbetrieb und die private Seite vieler Menschen aus dem kulturellen Leben jener Jahrzehnte.

60 Jahre nach dem Tod des einst renommierten  Künstlers  ist es einer Reihe von Zufällen zu verdanken, dass  sein Leben und Werk der Vergessenheit entrissen werden .

http://www.grado-adria.com/
grado-und-josef-maria-auchentaller/

http://www.ots.at/presseaussendung/
OTS_20090903_OTS0048/ansturm-auf-wiederentdeckung- josef-maria-auchentaller
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http://www.festwochen-gmunden.at/Detail.16.0.html?&tx_ttnews%
5Btt_ news%5D=473&cHash=4f4056242a
52516ba959784726436bc6

http://www.literaturhaus.at/
index.php?id=10243

diverse Suchmaschinen:  Bilder – Plakate - Fotos

 

René Freund. Mein Vater, der Deserteur. Eine Familiengeschichte (2014)

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»Vater, stell dich in die Mitte. Hierher, ja . . .«  Der erste Satz  des Eingangskapitels »Familienstellen. Ursprungsbild« stimmt uns auf  Tonart und Erzählform ein. 
1979 stirbt der Vater, Gerhard Freund, erst 54-jährig. Sein Sohn   ist damals  12, seine Schwester 8 Jahre alt.  Die Frage „Hast du einen anderen Menschen erschossen?“  wird unbeantwortet bleiben.  Die Kapitel werden mit Jahreszahlen überschrieben, sie folgen keiner  Chronologie, sind eher behutsame  Annäherungen an eine Person, die  ohne ihren familiären Hintergrund nicht zu deuten ist.
Am 11.August 1944 verlässt der nicht ganz 18-Jährige  mit „Kriegsmatura“  und  militärischer Grundschulung vom Westbahnhof  aus seine Geburtsstadt,  um  an der  sogenannten Verteidigung von Paris mitzuwirken. Am 16. August 1944 treffen sie am Gare de l´Est ein,  bald wird ihnen klar, dass ihre Einheit eingeschlossen ist.  Tags darauf beschließen ein Mann, der „Papa“ genannt wird, und Gerhard Freund, nicht „einzusickern“, sondern „zu verschwinden“. . .

Jahrzehnte später findet der Sohn in der elterlichen Wohnung das auf einer französischen oder amerikanischen Schreibmaschine  getippte Kriegstagebuch. (Basiert es auf zunächst handschriftlich verfassten Notizen?)  Um diese Eintragungen gruppieren sich Erinnerungen (Fotos), Reflexionen,  Geschichtliches, Eindrücke von der 2010 mit der Gattin und den Kindern des Autors unternommenen Reise zu den genannten Orten. (Der Vater eines Familienmitglieds überlebte als  US-Soldat die Landung in der Normandie schwer traumatisiert.)  

Die Kapitel  über verschiedene Mitglieder seiner Familie und das „Schlussbild“ vervollständigen das Ringen eines Nachgeborenen,  vertraute Personen besser zu verstehen.

http://www.renefreund.net/wordpress/?
page_id=383

http://diepresse.com/home/leben/
mensch/4196496/ Der-unbekummerte-Held

http://derstandard.at/2000007272746/Nicht-von-Sensationsgier-getrieben-sondern-von-dem-Wunsch-zu-verstehen

 

Sibylle Berg
Der Tag, als meine Frau einen Mann fand (2015)

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Wer den lakonisch-spöttischen Blick auf mittelständisches Leben von Menschen in der Lebensmitte in Mitteleuropa mag, wird dieses Buch schmunzelnd, manchmal angeekelt und immer nachdenklicher werdend lesen.

Chloes noch in der Hippie-Tradition verankerte finnische Schwiegermutter ist die Eigentümerin der Wohnung, in der sie mit Rasmus, einem ehemals erfolgreichen Regisseur, lebt. Die beiden führen seit 20 Jahren eine nach klaren Spielregeln funktionierende , kinderlose Beziehung. Chloe ist sorgsam darauf bedacht, das Ego ihres Gatten trotz deutlicher Misserfolge mit viel Verständnis zu stärken. Das tut sie auch, als sein Theaterprojekt in einem ungenannten  „Schwellenland“ auf Desinteresse der Beteiligten stößt. Jedes der Kapitel verleiht einer der Personen seine Stimme. So werden wir intime Zeugen ihrer Probleme mit dem Sex.
Als der Masseur Benny Chloes Liebhaber wird, gerät ihr ironisch-heiter ertragenes Leben „aus den Fugen“.
Es gibt  thematische Parallelen  zum ersten Roman der Autorin mit dem unverwechselbaren Stil:  „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ (1997).
Schließlich sind dies die Urthemen menschlichen Seins,  nicht mehr und nicht weniger.

Interview
http://derstandard.at/2000012606296/
Autorin-Sibylle-Berg-Es-sind-die-Hormone

http://www.taz.de/!154696/

Kolumne:
www.spiegel.de/thema/spon_berg/

Gustav Ernst. Grundlsee.  (2013)

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Der Autor, Mitbegründer und Herausgeber zweier Literaturzeitschriften, schuf im Laufe der Jahrzehnte  Werke in allen literarischen Genres (Lyrik. Erzählungen, Romane,  Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher).
Das Salzkammergut  als »Sommerfrische«  und der Grundlsee wecken eine Fülle von Assoziationen.  Hier nimmt die Geschichte einer Familie ihren Ausgang: In der Früh, ich möchte noch schlafen, kommen die Kinder zu uns ins Bett. Ich möchte noch schlafen, sage ich. John legt sich auf meine Brust. Er ist sieben . .
An diesen Ort kehrt Miranda, Johns Tochter, zurück: Von Hotels hat Papa aber niemals gesprochen. Hat es die damals überhaupt schon gegeben? Stehen die vielleicht dort, wo früher das Haus war und der Garten mit den alten Bäumen, von dem Papa erzählt hat, mit dem Buschwerk und den dunklen Winkeln, die Papa immer etwas Angst gemacht haben.
Der Vater fungiert als Ich-Erzähler, die Handlung jedes Kapitels  umfasst jeweils einen Tag an verschiedenen Schauplätzen (Grundlsee, Amsterdam, Triest etc).  Die Zeitsprünge und die jeweilige Situation der einzelnen Mitglieder der Familie erschließen sich wie nebenbei aus den Dialogen. In den Gesprächen klingt die Vertrautheit  aus den gemeinsamen Urlaubstagen an. Dennoch führt die Magie des Ortes die in alle Erdteile verstreuten Menschen nicht mehr zusammen. Sterben und Tod bestimmen jedes Kapitel.  Am Schluss räsoniert der (tote) Ich-Erzähler: Wahrscheinlich weiß ich bald nicht mehr, wie viele Kinder ich gehabt habe. Ihre Namen und den meiner Frau weiß ich schon längst nicht mehr. . . .
Ein Zustand, den ich mir ganz flach vorstelle, ganz dünn, ganz durchsichtig. Wie eine Frischhaltefolie. Die langsam zerfällt.
Wir werden sehen.
Die schnörkellose Sprache und der raffinierte Aufbau des Romans  vermitteln  auf intensive,  verdichtete Weise  die Lebensläufe dreier Generationen. Als Nachhall bleiben große Vertrautheit mit den Personen und Nachdenklichkeit.

http://www.literaturhaus.at/
index.php?id=9861

http://lesen.tibs.at/content/erwachsene/
gustav-ernst-grundlsee

http://www.buecherrezensionen.org/
buecher/rezension/gustav-ernst-grundlsee.htm

 

Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag

flieger

Eine kleine Auswahl an „Einstiegshilfen“ in das umfangreiche Werk der vielfach ausgezeichneten österreichischen Dichterin soll Mut machen, sich mit ihren Texten zu beschäftigen:

Biografisches und Literarisches:  http://orf.at/stories/2258099/2258136/

Über einen Dokumentarfilm: www.suhrkamp.de/mediathek/friederike_
mayroecker_das_schreiben_und_das_
schweigen_296.html

Zum Nachhören: „Meinen Schatten wirft ein Fliederbaum“
http://oe1.orf.at/programm/392404

Lyrik: http://www.planetlyrik.de/friedericke-mayrocker-gesammelte-gedichte/2010/06/

http://www.poetenladen.de/theo-breuer-friederike-mayroecker.htm

Die Klangarbeiten (in Zusammenarbeit mit Bodo Hell) für den Durchgang zwischen zwei Höfen des Wiener Museumsquartiers aus dem Jahr 2010 beweisen, dass FM seit den Erfolgen ihrer z.T. mit Ernst Jandl gemeinsam verfassten Hörspiele in unterschiedlichsten Ausdrucksformen arbeitet.
http://www.tonspur.at/w_35.html

»Das Schreiben ist mein Leben. Aber ich muss sagen, ich lebe auch sehr, sehr gern. Und ich hasse den Tod. Ich finde es furchtbar, dass ein Mensch eine gewisse Zeit auf der Erde herumspaziert und dann einfach weg ist. Auch der alte Mensch hat noch Ideen und möchte vieles machen, was dann aber durch den Tod abgeschnitten wird. Ich habe noch viel vor.«  Interview: FALTER 51/14 S. 26

Teresa Präauer
Jonny und Jean (2014)

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Lassen die Mutproben im dörflichen Freibad auf Erfolg oder Misserfolg der Personen im späteren Leben schließen?
Der erste Satz des Romans lautet: „Ich stelle mir vor, wie ich als Bub auf dem Land lebe.“
Programmatisch für ihre Biografie werden die beiden Hauptfiguren mit Spitznamen bedacht, die aus dem Englischen und dem Französischen stammen.
Episodenhaft nehmen wir teil am Bemühen der jungen Männer, sich als Kunststudenten zu orientieren und als Künstler zu etablieren. Jonnys Ich-Stimme leitet und kommentiert. Namen aus Kunsttheorie und Kunstbetrieb, Literatur, Film und Musik zeugen (augenzwinkernd) von seiner Anstrengung den erfolgreichen Jean „einzuholen“ und als Freund zu gewinnen; in Traumsequenzen kommt er z.B. sogar mit Marcel Duchamp ins Gespräch.
Eine Beschreibung des 121 x 184 cm großen Gemäldes „Jungbrunnen“ von Lucas Cranach d. Ä. (1546, Gemäldegalerie, Berlin) beschließt den Roman.
„Aber sieh dir diese Badenden noch einmal genau an! – Ach Cranach.“
Wir wollen die Aufforderung der 1979 in Linz geborenen Künstlerin gerne befolgen.

http://www.literaturhaus.at/
index.php?id=10417

http://fm4.orf.at/stories/1743839/

Gespräch auf  der Frankfurter Buchmesse:
http://www.3sat.de/mediathek/?
mode=play&obj=46538

Tipp: Wolf Haas, Teresa Präauer (Illustration). Die Gans im Gegenteil. (2010)
Video: http://www.hoffmann-und-campe.de/
buch-info/die-gans-im-gegenteil-buch-2378/

Franz Kain. In Grodek kam der Abendstern. (1994)

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Gródek, im damaligen Galizien unweit von Lemberg gelegen und durch die polnischen Teilungen seit 1772 Teil des Habsburgerreiches, war seit Ende August 1914 Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen. Nach der Eroberung von Lemberg durch russische Truppen wird der 27-jährige Georg Trakl in Grodek einem Feldlazarett als „Medikamentenakzessist“ zugeteilt. Seine Erlebnisse und die Verzweiflung, den Schwerstverwundeten nicht helfen zu können, stürzen ihn eine tiefe seelische Krise. In diesen Tagen entstand das Gedicht„Grodek.
http://gutenberg.spiegel.de/buch/5445/82

Mathias Roth, ein Bergarbeiter und Salinenbediensteter aus Hallstatt, begleitet ihn als sein Offiziersdiener in das Garnisonshospital in Krakau, wo Trakl am Morgen des 3. November 1914 tot aufgefunden wird.

Der 1922 in Bad Goisern geborene Autor Franz Kain stieß auf Aufzeichnungen des erst 1965 verstorbenen Mathias Roth.

http://www.literaturhaus-salzburg.at/content.php?id=90&programmdetail=1228

Dieser aus der Perspektive des ehemaligen „Burschen“ des bekannten Lyrikers verfasste Roman fügt bislang nicht bekannte und berührende Sichtweisen zu einem der vielen an diesem Krieg zerbrochenen jungen Menschen hinzu.

http://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Biographien/Kain,_Franz


http://www.memorial-ebensee.at/de/images/stories/WWWRun-Ordner/BetrifftWiderstand/bw2009Nr.2WEB.pdf

 

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Thomas Bernhard. Alte Meister
gezeichnet von Mahler  (2011)

Der bekannte Comiczeichner Nicolas Mahler bekommt von einem Verlag das Angebot, ein literarisches Werk als Graphic Novel zu gestalten. Der Künstler entscheidet sich für Thomas Bernhards Roman Alte Meister. Eine Komödie, erschienen 1985.
Aus der Perspektive Atzbachers, des Ich-Erzählers (mit äußeren Merkmalen Mahlers versehen), hören wir  dem Musikkritiker Reger bei seinen Betrachtungen über Kunst und Philosophie zu.
»Tatsächlich denke ich, dass das Kunsthistorische Museum der einzige Fluchtpunkt ist, der mir geblieben ist, sagte Reger, zu den Alten Meistern muß ich gehen, um weiterexistieren zu können, genau zu diesen sogenannten Alten Meistern, die mir ja längst schon seit Jahrzehnten verhaßt sind
Mahler verändert und kürzt die Vorlage, er ergänzt die essentiellen Aussagen meisterhaft mit den visuellen Mitteln des anderen Mediums.

http://www.suhrkamp.de/graphic-novel/
nicolas-mahler/alte-meister_1015.html


http://literaturcomic.phil.hhu.de/?p=352

http://www.karikaturmuseum.at/
de/ausstellungen/
nicolas-mahler.-wer-alles-liest-hat-nichts-begriffen#&panel1-5


2013  Mann ohne Eigenschaften. Mahler nach Robert Musil.

 

Saša Stanišić. Vor dem Fest  (2014)

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Fürstenfelde in der Uckermark. „Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot . . . Wie der Fährmann ertrank, hat niemand gesehen. . ."  Aus der Wir-Perspektive wird uns ein überschaubarer Personenreigen  der  Bewohner des kleinen Ortes  vorgestellt: meist ältere Menschen, die sich mit unterschiedlichen Tätigkeiten und Erinnerungen die Tage vertreiben. Auch eine Füchsin auf der Suche nach Nahrung für ihre Welpen erhält eine Stimme. Johann, der Sohn der Archivarin im Haus der Heimat, ein Azubi - er möchte das Glockenläuten übernehmen - darf einmal in der Ich-Form sprechen. Ab und zu kommen Menschen von draußen in den Ort, Reporter oder ein ungleiches männliches Paar, das in Reimen spricht. (Begründung der Jury zur Verleihung des Preises der Leipziger  Buchmesse 2014 an den Autor: „Ein Roman als furioser Chorgesang in Prosa“)
In der Nacht vor dem Annenfest ("Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat genau an diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.") haben sich auch die alten Chroniken und Dokumente des Archivs verselbständigt. Aus den Tiefen der Geschichte tauchen in der dazu passenden Sprache Ereignisse und Motive auf, die denen der Gegenwart sehr ähneln.
Frau Kranz, vor langer Zeit aus dem Banat zugewandert,  fertigte in den vergangenen Jahrzehnten zahllose Gemälde in Öl,  eine in Bilder gegossene Ortschronik mit Titeln wie „Der Neonazi schläft“ oder „Sparkasse im Sonnenuntergang“.  Für das Fest hat sie ein ganz besonderes Werk geschaffen . . .
Der „Dorfgeschichte“ als literarischer Gattung der Abbildung der Welt im Kleinen kann ein poetisch-humorvoller, aktueller  Text hinzugefügt werden.
Rückblick:  Das Dorf  Makondo des kürzlich verstorbenen kolumbianischen Autors Gabriel Garcia Marques ist ein  weltweit bekanntes Beispiel.
In seinem 2006 erschienen Roman „Wie der Soldat das Grammofon reparierte“ beschäftigte sich der 1978 in Bosnien geborene Autor Stanišić zum ersten Mal intensiv mit den strukturellen Problemen der „Provinz“ und der zunehmenden Abwanderung junger Menschen.

http://www.randomhouse.de/Buch/Vor-dem-Fest-Roman/Sasa-Stanisic/e210016.rhd

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/jeder-ort-ist-heimat-1.18261461

Rezension + TV-Porträt:

http://www.dw.de/saša-stanišić-und-die-kunst-des-erzählens/a-17513114

Thomas Meyer.
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse (2012)

Neu:
Jiddisch-Glossar und Matzenknödel Rezept

horn-brille

Was bedeutet Jiddischsein für einen jungen (25 jährigen) Mann mitten in einer europäischen Universitätsstadt? Mordechai Wolkenbruch lebt in Zürich als Sohn orthodoxer Juden; wie auf vielfältigste Weise tradiert, wacht vor allem seine mame darüber, dass „Motti“  sein Leben (Essen, Kleidung, Wahl der Ehefrau) im Sinne der Tradition gestaltet. Seit die schöne nichtjüdische Studentin Laura seine Aufmerksamkeit erregt, nimmt sein Blick sich und seine Gemeinschaft immer öfter von außen wahr. Folgerichtig kauft er sich eine neue Brillenfassung in einem nichtjüdischen Geschäft. Der bittere Kommentar der Mutter zieht einen Vergleich zu Woody Allen. Tatsächlich ähnelt der Ton dieser Entwicklungsgeschichte dem liebevoll-sarkastischen Stil des großen Filmemachers. Ein besonderer Kunstgriff ist das nahtlose Einflechten jiddischer Wörter, die Atmosphäre schaffen und immer vertrauter werden.

LETTRA TV:
http://www.youtube.com/watch?v=
v5IrorzzzMw


http://fm4.orf.at/stories/1700840/

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/
rezensionen/belletristik/thomas-meyer-wolkenbruchs- wunderliche-reise-in-die-arme-einer-schickse-das-gesetz- der-mutter-11894952.html

Meyer O-Ton: Erklärung von jiddischen Wörtern:

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/
Wenn-moeglich-kein-Schweizer-Regisseur/story/21706516

 

Urs Widmer
Der Geliebte der Mutter (2000)

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Mit dem  Todestag Edwins,  eines sehr berühmten Dirigenten, beginnt der Roman, eine Begegnung  mit der Ich-Figur und der Tag der Beerdigung mit den  pompösen Trauerfeierlichkeiten beenden ihn. (Musikkenner und mit den Wirtschaftsmagnaten der Schweiz Vertraute lesen den Text  als „Schlüsselroman“)
Ebenso umfangen von diesem begabten, geschäftstüchtigen Musiker war das Leben Claras, der Mutter: Die Mutter liebte ihn ihr ganzes leben lang. Unbemerkt von ihm, unbemerkt von jedermann.  Durch viele Episoden ihres Lebens erahnen wir, weshalb die Frau (aus einer späteren Zeitangabe lässt sich ihre Geburt mit 1905 datieren) zu ihrer sturen Leidenschaft  Zuflucht nahm.
Ihr Vater, bis 1929 der reiche Vizedirektor einen Maschinenfabrik, stammte aus einer Säumer-Familie  südlich des Simplonpasses. Sein für die damalige Zeit ungewöhnliches Aussehen erklärt sich aus dem aus Afrika geflohenen Urgroßvater, der am Morgen nach seiner Ankunft in dem Bergtal verstarb.
Clara leidet insbesondere nach dem frühen Tod der Mutter unter ihrem despotischen Vater. Ständig wird „ihre Art“ kritisiert. Sie versinkt oft in Tagträumen, nachts wird sie von  erschreckenden oder beglückenden Träumen begleitet. Als junge Frau (sie sieht aus wie „ein Kind der Sonne“) erlebt sie die faszinierenden Konzerte des Jungen Orchesters, es spielt Bartók, Zemlinsky, später Ligety, Strawinsky u.a.  Sie findet „ihre Art“ in dieser Musik, der Arbeit für das Orchester und vor allem in ihrer Liebe zum Dirigenten, Edwin. Nach einem Gastspiel kommt es in Paris zur ersten Liebesnacht, in ihrer Wohnung folgen weitere kurze Begegnungen. Sie widerspricht seinem Verlangen, eine Abtreibung  durchführen zu lassen, nicht. Nach den Tod des Vaters findet sie für kurze Zeit Geborgenheit bei der italienischen Verwandtschaft. (Ihr Cousin Boris wird zum fanatischen Duce-Anhänger; er führt später das vom Vater aufgebaute Weingut in den Konkurs.)
Als Edwin die Erbin jener Maschinenfabrik heiratet, muss die Mutter  in eine Klinik. Es folgen Phasen völliger Angepasstheit, sie hat geheiratet, einen Sohn geboren – den Ich-Erzähler, dem gegenüber sie immer seltsam distanziert bleibt.  Die „Außenwelt“ der Jahre 1939 – 1945 wird durch das Schicksal der Cellistin und Sami Sterns charakterisiert.
Immer wieder verbringt sie Zeit in Sanatorien.
Zu ihrem Geburtstag bekommt sie jedes Jahr Orchideen und ein Kärtchen mit  Alles Gute, E. 
Als diese Wünsche eines Jahres ausbleiben, flüstert sie  ständig den Namen des
Geliebten und beginnt „seltsame Dinge zu machen“. Als Greisin unternimmt sie noch weite, nicht ungefährliche Reisen.
82-jährig öffnet sie das Fenster ihres Zimmers im Heim für alte Menschen und springt „Edwin“ schreiend, aus dem sechsten Stock .
Das Handlungsgerüst  kann die magische Wirkung der sachlichen, manchmal melancholisch oder humorvoll gefärbten Sprache ebenso wenig wie die kunstvoll verwobenen Handlungsstränge durch die Jahrzehnte des vergangen Jahrhunderts wiedergeben.
Die Geschichte ist erzählt. Diese Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft. Dieses Requiem. Diese Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.
Im April 2014 verstarb dieser unvergleichliche Schweizer Autor.

www.culturactif.ch                 

http://oe1.orf.at/programm/368313

 

Thomas Glavinic
Das größere Wunder (2013)

jonas

Hortus Deliciarum, Der Prophet Jonas wird vom Fisch bei Ninive ausgespien. Circa 1180

Wieder gibt der Autor seiner Hauptfigur den Namen Jonas.
Zwei Handlungsebenen werden parallel erzählt: Jonas bei seinem mühevollen Unterfangen den Mont Everest zu besteigen und Rückblenden in verschiedene Phasen seines vorangegangenen Lebens. Nachdem ein Liebhaber der trunksüchtigen Mutter  ihn und seinen kranken Zwillingsbruder verprügelt, finden sie als Zehnjährige großzügige Aufnahme beim Großvater  des gleichaltrigen Freundes. Eine Erziehung im herkömmlichen Sinne wird ihnen nicht geboten, dafür  Ermutigungen zu verschiedensten Lebensentwürfen. („Antworten sind überschätzt.“)  Die Heranwachsenden suchen in äußerst gefährlichen Unternehmungen  ihr Selbst zu entdecken.  Nach dem Tod seiner drei liebsten Menschen mäandert Jonas wie ein moderner Parzival durch die Welt. Bar aller finanzieller Sorgen und auf unerklärbare Weise alle Sprachen der Welt verstehend, ist er am Versuchen und am Suchen. Die Liebe zu einer Frau namens Marie geht ihm wieder verloren. Im Basislager zum höchsten Berg der Welt endet dieses faszinierende, vieldeutige Märchen über  die „Verfasstheit“ unserer Zeit.
P.S. Die tragischen Begleiterscheinungen der touristischen Sogwirkung  dieses Berges:

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/
ungluecke/mount-everest-lawine-toetet-zwoelf-bergsteiger-12901307.html
)

http://derstandard.at/1376534488522/Immer-auf-der-Suche-nach-dem-groesseren-Wunder

http://www.zeit.de/2013/38/roman-thomas-glavinic-das-groessere-wunder

 

corot_homm

Brigitte Kronauer. Gewäsch und Gewimmel. (2013)

Wer Erfahrungen mit dem lustvollen Betrachten von Wimmelbüchern hat, wird schnell Gefallen an diesem Roman finden. Passend zu unserer von unterschiedlichsten Reizen „bombardierten“ Wahrnehmung wird uns im ersten Teil eine Fülle von Personen in Dialogen und im „Gewäsch“ vorgestellt. Sie alle saßen irgendeinmal im Wartezimmer der Krankentherapeutin Elsa Gundlach. Rätsel und Sprach-Splitter unterschiedlicher Herkunft erweitern die Palette. Im zweiten Teil erzählt die nicht mehr junge Luise Wäns in der Ich-Form von ihrer Liebe zur Natur und einem jüngeren Mann. Der dritte Teil nimmt die Fäden des ersten Teils wieder auf. Die Lust der Leser am unkonventionellen und nicht-linearen Erzählen wird belohnt mit einem ehrlichen, z.T. ironischen Bild unserer diffusen Welt.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/
video/1994380/Brigitte-Kronauer-auf-dem-blauen-Sofa

Kronauer im Gespräch: http://www.youtube.com/watch?v=
3AFDu2WpwxQ


http://swrmediathek.de/player.htm?
show=d1759e90-58dd-11e3-b292-0026b975f2e6


http://www.ardmediathek.de/hr2/hr2-buch-und-hoerbuch?documentId=18963886

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=
play&obj=4002

 

Peter Henisch.
Mortimer & Miss Molly. Roman (2013)

San Vito, ein kleiner Ort in der Toskana, führt zwei unterschiedliche Paare zusammen: 1944 Mortimer, einen amerikanischen Soldaten, und die 20 Jahre ältere Miss Molly, die englische Gouvernante einer italienischen Adelsfamilie.
Anfang der 1980er Jahre verbringen die österreichische Studentin Julia und der aus Turin stammende Medizinstudent, Marco, zum ersten Mal einige Zeit in diesem pittoresken Ort. Sie lernen einen alten Amerikaner – Mortimer – kennen, der ihnen den Beginn seiner Bekanntschaft mit Molly erzählt. Dann reist er ab. Julia und Marco spielen in ihrer Fantasie verschiedene Möglichkeiten der Fortsetzung dieser Beziehung durch. Ihr Traum für die Zukunft ist die filmische Umsetzung.
Das reale Leben der beiden verläuft in anderen Bahnen, bis eine weitere Zeitebene eine unerwartete Wendung mit sich bringt.
Der Reiz, der von der gekonnt verwobenen Handlung ausgeht, wird durch viele Anspielungen auf künstlerische Werke aller Genres erhöht. Bereits der erste Absatz schlägt den Grundakkord an: Jeder Satz bleibt in der Schwebe, der Konjunktiv betont den Variantenreichtum des Erdachten:

"Die Geschichte könnte damit beginnen, dass Mortimer vom Himmel fällt. Ein Fallschirmspringer, der im Zentrum des Renaissancegartens landet. Steht Miss Molly am Fenster? Zweifellos wäre das eine schöne Szene.
Für einen Film, den ein Fellini hätte drehen können ... "
http://www.peter-henisch.at

http://www.zeit.de/video/2013-11/2874877393001/videolesung-peter-henisch-liest-aus-mortimer-&-miss-molly

http://derstandard.at/1379292388901/Liebe-Leid-und-Lust

 

Joseph Zoderer.
Der Schmerz der Gewöhnung. (2002)

Jul, ein in Bozen beschäftigter Journalist, verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Graz, weil seine Eltern zu den „Optanten“ gehörten.  Zu Beginn der 70er Jahre verliebt er sich auf politischen Versammlungen in die Studentin Mara. In dieser Gruppe scheinen die historischen Gegensätze überwindbar. Sie ist die Tochter eines aus Agrigent stammenden Juristen - 1939 als faschistischer Funktionär zur Italienisierung eingesetzt - und einer  deutschsprachigen Frau aus Bruneck.
Mara und ihre Geschwister wuchsen in einem Ort nahe den Südtiroler Bergen auf und beherrschen außer der deutschen Sprache auch das Schifahren. . .
Die Struktur der Handlung erschließt sich nach und nach. Ausgehend von gerade (in der Natur) Erlebtem oder Geträumtem umkreisen Gedankensplitter vergangene Episoden, vorrangig im Zusammenhang mit dem unbekannten, lange verstorbenen Schwiegervater, der Gattin Mara und der ertrunkenen Tochter Natalie.
Das Bild bleibt fragmentarisch. Der Titel erweist sich auch als Hinweis auf Juls Erschrecken vor seinen Ressentiments.
Ein Buch, dessen Themen immer aktueller werden: Erfahrung von Fremdheit, Erinnerungen, Suche nach Identität,  insbesondere in einer Sprache.

www2.dickinson.edu/glossen/heft16/
wildner.html

www.uibk.ac.at/brenner-archiv/literatur/tirol/rez_02/
rottensteiner_der_schm.html

lada_kaputt

Wolfgang Herrndorf (1965- 2013)
Tschick (2010)

Tschik, Sohn von Russlanddeutschen, ist neu in einer Berliner Schulklasse. Er und Maik, wohnhaft in einer Villa, werden als Einzige nicht  zur Party einer schönen Mitschülerin eingeladen. Die Ferien liegen wie eine große Ödnis vor ihnen. Doch Tschik klaut einen alten Lada und schlägt vor, Verwandte in der Walachei zu besuchen. Was sie auf dieser sich z.T. im Kreis bewegenden Fahrt durch den Osten Deutschlands erleben, begeistert Erwachsene  und  Jugendliche im  Alter der Protagonisten gleichermaßen.
Die oft bizarren Schauplätze, die Begegnung mit unterschiedlichsten Menschen, die spannende Handlung und vor allem die dem Jugendjargon angenäherte schrille, manchmal melancholisch-heitere  oder träumerisch-poetische Sprache  des Ich-Erzählers Maik  vermitteln eine freie, neugierige, überraschende Sicht  auf Wohlvertrautes.
Dies ist das Werk eines  Autors, der zunächst Malerei studierte, als Illustrator arbeitete  und sich schließlich dem Schreiben widmete. Der 2010  diagnostizierte Gehirntumor trieb ihn zu einer rasenden Arbeitsweise, seinen Blog nannte er „Arbeit und Struktur“. Im Sommer 2013 beschloss er, die letzte Phase der Krankheit nicht mehr zu ertragen.
Das Interview mit Kathrin Passig  lässt ihn nochmals zu Wort kommen:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/
autoren/im-gespraech-wolfgang-herrndorf-wann-hat-es-tschick-gemacht-herr-herrndorf-1576165.html

Ein liebevolles Porträt liefert folgender Artikel:

http://www.welt.de/kultur/
literarischewelt/article119601640/Der-Mann-der-aus-der-Welt-gefallen-ist.html

 http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/
article119601640/Der-Mann-der-aus-der-Welt-gefallen-ist.html

 

blosfeld

Karl Bloßfeldt (1865 -1932) Eisenhut

Anna Rottensteiner. Lithops. Lebende Steine (2013)

Die titelgebende Pflanzengattung – betrachtet im Giordino Botanico in Rom – dient  im vorletzten Kapitel als Deutungsmuster für die verschlossene, weibliche Hauptfigur, Dora. Ihr Vater, aus Palermo stammend, war 1939 als Lehrer mit ihr in ein Bergdorf  nahe Bozen versetzt worden. Logis nahmen sie bei der Mutter des Ich-Erzählers, Franz. Die Verstrickungen der Menschen in die Politik dieser Jahre  wirken weiter.  Dora und Franz versuchen in Finnland an die Vertrautheit ihrer gemeinsamen Zeit als Kinder anzuknüpfen. Nach dem Rombesuch offenbart Dora in der Küche des  Südtiroler Bauernhauses, was sie als ehemalige Bedienstete der Geliebten Mussolinis so viele Jahrzehnte belastet hat.
Ein „leises“ Buch, in dem die Auswirkungen des „Getöses“ der Ideologien auf  menschliche Gemeinschaften und auf Individuen hörbar werden.

http://www.literaturhaus.at/
index.php?id=9831


Maria Eliskases. Frauenschuh (2013)

„Schon wieder ein Text über die Schriftstellerei, sagte der Kritiker und legte das Blatt beiseite.“  Diese Bemerkung zur Arbeitsweise „seiner Freundin“ dient als dialektischer Kunstgriff  und gibt dem Roman über zwei Frauenfiguren „nach ihrer fruchtbaren Zeit“ die Struktur. Langsam und leise entwickelt sich die in der 3. Person erzählte Handlung um Elsa – die Autorin - und um die Ich-Erzählung  ihrer „Kreation“, der „Gärtnerin“, erst im letzten Teil Susanna genannt.
Donau und Inn bilden die Achsen, denen entlang sich die Personen bewegen. (Einige Male „blitzen“ auch Erinnerungen an Wanderungen in der Umgebung von Schwaz und an das Ladinische auf.) Der oft schmerzvolle Prozess des Schreibens bringt Elsa dazu, über ihre Ehe, eine zu Ende gegangene Beziehung und ihre Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit nachzudenken.  Ihre unter  schwindender Sehkraft leidende „Kunstfigur“ – sie lebt in einem alten, geerbten Haus mit Garten im Sauwald - wird in einen dramatischen Zwischenfall verstrickt.
Die titelgebende Blume erhält eine tiefere Bedeutung. Einen von Elsa als bruchstückhaft bezeichneten Beginn eines weiteren Kapitels mit poetischen Träumen und an Gemälde von Hieronymus Bosch gemahnenden Visionen tut der Kritiker als wenig „brauchbar“ ab.  Im letzten Kapitel ist Elsa neidvoll Teil des idyllischen Tableaus ihrer Romanfiguren, das Spiel hat sich ein weiteres Mal gedreht. . .  
Ein faszinierender, vielschichtiger Text.

abbesse

Collage Gerhard Carl Moser

Christoph Ransmayr. Atlas eines ängstlichen Mannes (2012)

„Ich sah . . .“  So beginnen alle 70 - mit knappen Titeln versehenen - Erzählungen über Begegnungen mit unterschiedlichsten Regionen und Menschen. Das ICH nähert sich zurückhaltend und behutsam („ängstlich“). In bester Traditionslinie zu Adalbert Stifter werden Bezüge jenseits des Beobachteten und Erlebten gestaltet. In einem furiosen Schlussteil klingen die  meist weniger als 8 bis 10 Seiten umfassenden Geschichten aus.
Der Autor von vier Romanen pflegt seit Jahren die Liebe zur kleinen Form. Das Rohmaterial liefern „Angelhaken“ in Schreibheften, die er während seiner zahlreichen Reisen notiert  hat.  Daraus entstehen kunstvoll komponierte Miniaturen über entlegene Gebiete der Welt oder Schauplätze in Städten.  Alle Sinne werden angesprochen,  Naturgewalten, Pflanzen, Tiere begleiten die Kleinheit der Menschen. Konflikte der Gegenwart, Gestirne, ihre mythologische Deutung, archaische Vorstellungswelten und die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts sind Teil der Reflexion.
Verschiedenste Formen der Lektüre sind möglich,  auch die zufällige Auswahl „wie mit dem Finger auf der Landkarte“ bietet sich an.
Die Stimme des Autors bei einer Lesung oder via Hörbuch verschafft den Texten eine weitere Dimension.

http://oe1.orf.at/artikel/293343

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/
buechermarkt/2017030/

 

Michael Köhlmeier, »Die Abenteuer des
Joel Spazierer«  (2013)

Dieser „Schelmenroman“ beweist, dass es noch immer möglich ist, die Geschichte mehrerer Generationen zu erzählen. In diesem Fall beginnt sie vor 1956 in Ungarn und endet  „nach der Wende“ in Wien. Die „Abenteuer“ des „Simplicius“ mit den vielen Identitäten führen ihn u.a. in die Schweiz, nach Belgien, Moskau und Kuba. Die Handlung mäandert in unterschiedlichsten Erzählformen und Stilen und bietet ständig wechselnde Leseerlebnisse. Ein großartiges Werk.

http://www.zeit.de/2013/06/Michael-Koehlmeier-Abenteuer-des-Joel-Spazierer

http://oe1.orf.at/artikel/330220

http://orf.at/stories/2166249/2166448/

http://derstandard.at/1358304731390/Das-Heroin-der-Illusionen

font_mix

Ulf Erdmann Ziegler. Nichts Weißes (2012)

Während der Autor bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur („Bachmannpreis“) 2008  den Text „Pomona“ las, war auf seinem Pult ein rätselhaftes großes  ß  zu sehen.  Durch den Titel und im  Kontext des Romans „Nichts Weißes“ wird klar, dass Typgraphie als sinnstiftende ästhetische Komponente verstanden wird.  Marleen Schuller, Mitte der 60er Jahre in Düsseldorf geboren,  erlernt ihren Beruf  bei den Kapazitäten ihrer Zeit und übt ihn mit viel Sensibilität und Genauigkeit aus. In diesen Jahren vollzieht sich der Wechsel vom Bleisatz zum Zeitalter der Computertechnik. Nach den Jahren in Paris scheint sie in New York das ihr entsprechende  kreative Klima gefunden zu haben. In diesem „Entwicklungsroman“ werden neben dem Innenleben der Familie (Hausbau in Pomona, Autokauf, Katholizismus, Werbekampagne für o.b., der Vater lebt in einem Ashram, die große Liebe . . .)  diese Jahrzehnte  sinnlich erlebbar.

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/
ulf-erdmann-zieglers-roman-nichts-weisses-1.17615983#

http://www.faz.net

http://www.spiegel.de

http://www.zeit.de

Robert Schindel. Der Kalte (2013)

Nach »Gebürtig« (1992, verfilmt 2001) ist  dieser Roman der zweite Teil der geplanten Trilogie.
»1986 war das 1968 Österreichs« meint der Autor in einem Interview. Romanfiguren, Personen unterschiedlichsten Alters, politischer Einstellung, sozialer Zugehörigkeit bewegen und treffen sich an verschiedenen Schauplätzen Wiens und Umgebung. Edmund Fraul, Spanienkämpfer und Auschwitz-Überlebender, bildet mit seiner Frau Rosa und dem Sohn Karl, einem jungen Burgschauspieler, das innere Dreieck der Handlung.
Um die Atmosphäre dieser »Wendejahre«, die traumatischen Erinnerungen und Träume der Älteren,  die Turbulenzen wegen der Wahl des Bundespräsidenten, der Uraufführung eines Theaterstückes und der Aufstellung eines Mahnmals zu vermitteln, setzt der Autor  neben der Perspektive des Erzählers sieben weitere Ich-Stimmen ein. Zusätzlich verändern die während der Proben gesprochenen Macbeth-Zitate den Blick auf das »reale« Geschehen.
Faszinierend, wie sich Fraul sen. von seiner »Kälte« befreien kann.  Es ist Schindel das gelungen, was er in einem Interview als die Qualität von Literatur beschreibt: 
»Die Literatur vermag den Schein dessen, was tatsächlich passiert ist, zu durchdringen und so Authentisches über Sachverhalte auszusagen, auch wenn einzelne Fakten dabei nicht stimmen müssen. Literatur darf sich nicht im bloßen Nacherzählen historischer Wahrheiten erschöpfen. Der künstlerische Roman soll Unsichtbares sichtbar machen, er sollte den Nerv einer Zeit treffen.«

http://www.profil.at/articles/1306/560/352177/
robert-schindel-erst-toter-gleichmut

http://derstandard.at/1360161200008/
Waldheimat-und-Herztaubheit

Edgar Hilsenrath. Das Märchen vom letzten Gedanken. (1989)

Vom Völkermord an den Armeniern (1915) erzählt der 1926 geborene Autor in der Form eines orientalischen Märchens. Der letzte Gedanke des letzten Vertreters einer Familie durchlebt  auf unterschiedlichste Weise Geschichte und Persönliches. Dieser Kunstgriff  bewirkt ungeahnte Einsichten und emotionale Erschütterungen.
"Schon seltsam, was", sagt Hilsenrath und zündet sich eine neue Zigarette an. "Ausgerechnet zwei Juden aus Deutschland werden von den Armeniern dafür verehrt, dass sie den Völkermord thematisiert haben. Franz Werfel mit seinem kurz vor Hitlers Machtergreifung 1933 erschienenem Roman ,Die vierzig Tage des Musa Dagh' und meine Wenigkeit."
http://www.welt.de/welt_print/article1145074/
Mein-Freund-Edgar.html

Tipp: The Nazi & The Barber (NY, 1971) 
Der Nazi & der Friseur (1977)

 

Barbara Frischmuth.
Woher wir kommen. (2012)

Drei Frauen dreier Generationen: Ada, die nicht 30jährige Künstlerin, ist mit ihrem Zwillingsbruder in Istanbul aufgewachsen. Martha, ihre Mutter, muss den ungeklärten Tod ihres Mannes auf dem Ararat verarbeiten. Tante „Lilofee“ hatte sich als 16-Jährige in einen entflohenen russischen Kriegsgefangenen verliebt. Als lokale Drehscheibe fungiert das „Seehaus“, eine Villa im Salkammergut, die von Martha als Gasthaus geführt wird. Neben Wien sind die Erinnerungen an das Leben in Istanbul der 1980er Jahre  bedeutsam. Neben den vielfältigen inhaltlichen Facetten begeistern insbesondere Struktur und  differenzierte Erzählweise dieses lesenswerten Romans.

http://oe1.orf.at/programm/323617

film_kulisse

Sherwood Anderson  (1876 -1941) Winesburg, Ohio. Eine Reihe von Erzählungen aus dem Kleinstadtleben Ohios (1919)

Neuübersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Eike Schönfeld (2012)

Zu Beginn zieht in der Rückerinnerung eines alten Mannes, betitelt „Das Buch vom Grotesken“, ein Reigen unterschiedlichster Personen auch an uns vorüber. In den folgenden lose miteinander verbunden Erzählungen begegnen wir diesen Bewohnern einer Kleinstadt in Ohio zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder. Familiäre Kontinuitäten gibt es nicht, tief greifende Veränderungen des Wirtschaftslebens kündigen sich an. Viele dieser Menschen scheitern an ihrem Unvermögen, ihre Gefühle und Erinnerungen in Worte zu fassen. Einigen bieten religiöse Wahnvorstellungen einen kurzfristigen Halt, damit verletzen sie wieder Mitmenschen. Frauen ziehen sich oft völlig in ihre Traurigkeit zurück. Georg Willard, der junge Reporter der lokalen Zeitung, Gesprächspartner vieler Personen, verlässt die Kleinstadt, um Schriftsteller zu werden. . .
Der  inhaltliche und formale Einfluss dieses grandiosen Textes auf amerikanische Autoren der folgenden Generationen und Filme wie „Short Cuts“ von Robert Altman (1993)  wird im Nachwort von Daniel Kehlmann mit großem Sachwissen erläutert.
(2012 erschien eine weitere Übersetzung ins Deutsche in einem anderen Verlag.)

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel
/wz_reflexionen/vermessungen/437093_Die-Einsamkeit-der-Kleinstadt.html

 

Vea Kaiser. Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam. (2012)

Das Dorf – laut Aussage der 1988 geborenen Autorin „funktioniert es auf der ganzen Welt ähnlich“ – gibt bestimmte Strukturen des menschlichen Miteinanders vor. Dass es Außenseiter (in diesem Fall Großvater  und Enkelsohn) schwer haben, thematisierten auch die Romane des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte dreier Generationen wird von Vea Kaiser in vielen komischen und skurrilen Details erzählt. Als Einschübe fungieren im wissenschaftlichen Ton (der Enkel beschäftigt sich mit Herodot) gehaltene historische Rückblicke ab der Urgeschichte. Die Handlung löst sich im harmonischen Wohlgefallen auf. Der kritische Anti-Heimatroman ist Geschichte.

http://fm4.orf.at/stories/1703399

http://www.youtube.com/watch?v=3JPdbOm-uPs

Lesung: http://www.youtube.com/watch?v=0v4g3M-4V_w

Ljudmila Ulitzkaja: "Das grüne Zelt". (2012)

Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt

Die 1943 geborene Autorin kennt das Wissenschaftler- und Künstlermilieu, dem auch die Hauptfiguren dieses fast 600-seitigen Romans entstammen, gut. Wie bewältigen diese Personen das tägliche Leben und wie verwirklichen sie ihre intellektuellen Ansprüche in der Stalin-Ära und danach?  Das Rad des Erzählens dreht sich um das Schicksal dreier Freunde  (der Literaturlehrer begeisterte sie auf  unorthodoxe Weise für die reiche Tradition der russischen Literatur) und ihrer Familien. Die Schilderung erschütternder bis grotesk-komischer Details öffnet die Augen für die uns oft unverständlichen Entwicklungen im heutigen Russland. Das Aufspüren des Titels im Text und dessen Deutung soll als zusätzlicher Anreiz zum Lesen dienen.

http://www.literaturimnebel.at/

http://derstandard.at/1350258899105/Der-dunkelgraue-Paradiesgarten50258824222/

tisch_genre

Juli Zeh. Nullzeit (2012)

Was bewegt Menschen aus Deutschland eine beliebte Urlaubsinsel vor der Küste Westafrikas aufzusuchen? Sven, ein Jurist, wollte dem starren System seiner Heimat entfliehen. Er gründet – unterstützt von seiner Frau –  in einer öden, abgelegenen Bucht eine Tauchschule. Jola(nthe), adeliger Abstammung und finanziell von ihrem Vater abhängig, will sich auf  ihre Bewerbung für die Hauptrolle in einer Verfilmung des Lebens des Ehepaares Haas, österreichischer Tauchpioniere, vorbereiten. Gemeinsam mit ihrem sehr viel älteren Lebensgefährten Theo, einem wenig erfolgreichen Schriftsteller, hat sie um einen ansehnlichen Betrag zwei Exklusiv-Wochen gebucht. Schnell entwickelt sich eine verhängnisvolle Dreiecksgeschichte. Welche Bedeutung die Aufenthalte unter Wasser und die „Nullzeit“  (Zeit, die man ohne Kompressionsausgleich unter Wasser sein kann) haben, bleibt bis zum Schluss eine spannende, nicht eindeutig geklärte Frage. Die promovierte Juristin Juli Zeh weiß um die unterschiedlichen Deutungen der Wirklichkeit. In Svens Bericht werden Jolas Tagebucheintragungen eingeschoben. Kaum glaubt sich der Leser/die Leserin einer Deutung nahe, wird die Perspektive erneut verschoben . . .
http://www.juli-zeh.de/

http://www.zeit.de/video/2012-09/1848285802001

Christa Wolf (1929 - Dez. 2011)
Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud (2010)

Als Stipendiatin war die Autorin 1992 an das  „Getty-Center for the History of Art and the Humanities“ in Santa Monica, Los Angeles County, Kalifornien gekommen.  Diesen Aufenthalt wählt Christa Wolf als Rahmen, in den Erinnerungen, Reflexionen, Gespräche, Träume gewoben werden.  Neben dem Alltag, der Forschungsarbeit, den sozialen Kontakten werden ihre Zeit als DDR-Bürgerin (gefeierte Schriftstellerin, kurze Zeit IM= informelle Mitarbeiterin und von der Stasi Bespitzelte) und das Leben deutscher Emigranten (Thomas Mann, Brecht, Feuchtwanger u.a.) thematisiert. Ein differenzierendes, abwechslungsreiches Buch, das als Porträt einer sich schonungslos analysierenden Frau beginnt, zu  einem vielschichtigen Bild des vergangenen Jahrhunderts wird und Denkanstöße für die Analyse unserer Gesellschaft gibt.

http://oe1.orf.at/artikel/246543

http://www.litges.at/litges3/

Olga Martynova

»Sogar Papageien überleben uns« (2010)
Die Gewinnerin des Bachmann-Preises 2012 lebt seit 1991 in Deutschland. Auf Anregung einer Freundin liest sie einen Aufsatz über das Ostjudentum von Joseph Roth.  Diesem entstammt der Satz, den die bisher in russischer Sprache schreibende Lyrikerin als Titel ihres ersten Prosatextes wählte.  Der Roman ist in 7 große Abschnitte und zahlreiche Kapitel (z.B. Der Zeitfluss, das Zeitflussweib, die Bergvogelfrauen - Achilles und die Schildkröte) gegliedert. Die Ich-Erzählerin Marina aus Petersburg referiert während eines Kongresses in Berlin über Daniil Charms (1942 im Gefängnis während der deutschen Belagerung Leningrads verhungert) und weitere avantgardistische Künstler seiner Zeit. In faszinierenden Splittern erfahren wir von ihrem Leben, von ihrer Liebe zu einem deutschen Studenten vor 20 Jahren, von verschiedenen Epochen und politischen Systemen. Eine Zeitleiste am Beginn jedes Kapitels hilft bei der Orientierung durch diesen Fluss der Assoziationen und poetischen Bilder, oft im humorvollen Tonfall leiser Melancholie gestaltet.
http://www.droschl.com/programm/buch.php?
book_id=721


http://oe1.orf.at/artikel/260090

Tipps
Film: Charms Zwischenfälle. Regie Michael Kreihsl  (1996)
Akademietheater Wien: Zwischenfälle. Szenen von Courteline, Cami, Charms. Regie: Andrea Breth (2011)

http://www.burgtheater.at


Marion Brasch

Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie. (2012)
Viele Stilmittel des Mediums Radio prägen den mit liebevoller Menschenbeobachtung und teils mit ironischer Leichtigkeit erzählten Roman. Im Radio ist die 1961 in Berlin geborene Marion Brasch beruflich beheimatet. Diese Form lässt viel Spielraum für eigene Überlegungen zu den Einflüssen der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts auf  diese Familie:
Die Eltern, aus jüdischen Familien stammend, lernten einander in London kennen. Der Vater wurde überzeugter Kommunist, der in es in der späteren DDR bis zum stellvertretenden Minister für Kultur brachte.  Die Auseinandersetzungen mit den drei künstlerisch begabten Söhnen  (Thomas war  der  auch „im Westen“ erfolgreichste und viele Jahre der Lebensgefährte der Schauspielerin Katharina Thalbach) prägten das „Nesthäkchen“ Marion zutiefst. . .  In Interviews erläutert die Autorin, weshalb sie sich jetzt ihrer Familie literarisch annäherte.
http://www.youtube.com/watch?v=xNcQO_
hP8q

ttp://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/ 1682978/

http://www.zitty.de/die-fabelhafte-welt-der-ddr.html

Cornelia Travnicek

Chucks (2012)
Seit 1917 werden die inzwischen nach dem Basketballspieler Chuck Taylor benannten Textilschuhe erzeugt.  Mae, die Ich-Erzählerin des Romans, trägt täglich das Paar, das ihrem an Krebs verstorbenen Bruder gehörte. Mit ihnen entfernt sie sich immer weiter von ihrem bürgerlichen Elternhaus, lebt auf der Straße , macht intensive Erfahrungen und lernt in einem Aidshilfehaus Paul kennen.  Getragen wird dieser  Plot von einer eindringlichen, manchmal humorvollen, immer authentischen Sprache.
http://www.youtube.com/watch?v=lHbjMNlSWI4
Die 1987 geborene Autorin (http://bachmannpreis.eu/de/autoren/3782) erhielt bei den 36.Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt für den Romanauszug  „Junge Hunde“ (http://bachmannpreis.eu/de/texte/4059)  den Publikumspreis.

Amélie Nothomb

Der japanische Verlobte. Aus dem Französischen von Brigitte Große (2010)
Die 1967 in Japan geborene belgische Diplomatentochter kehrte mit 22 Jahren in ihr Geburtsland zurück, bietet Französischunterricht an und arbeitet in einem Konzern. In ihrem unnachahmlichen Schreibstil  erzählt die Ich-Erzählerin von ihrer Liebesbeziehung zu Rinri, einem Sohn aus vermögendem Haus, von kulturellen Unterschieden und Missverständnissen im Alltag, spirituellen Erfahrungen beim Besteigen eines Berges und dem Anblick des Fuji. Nach der Lektüre bleibt der Eindruck, dieses rätselhafte Land ein wenig besser zu verstehen.
http://www.diogenes.ch/leser/katalog/
nach_autoren/a-z/n/9783257067460/buch

 

wajsbrot

Josef Bierbichler.

Mittelreich  (2011)
Der Autor  ist seit Jahren als prägnante Persönlichkeit von Bühne und Kino bekannt. 2011 erschien sein Debütroman „Mittelreich“.  Hinter diesem mehrdeutigen Titel verbirgt sich eine Familiensaga aus dem Teil Bayerns, den der Autor am besten kennt: die Orte um den Starnberger See. Wie sehr das vergangene Jahrhundert mit den Menschen – den „Einheimischen“, den Flüchtlingen, Gestrandeten, den Zuwanderern – auch die Landschaft  veränderte, wird in einer an einen  Barockroman erinnernden sprachlichen Wucht und Vielschichtigkeit vermittelt.
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/
kritik/1640054/

Cécile Wajsbrot

Mann und Frau den Mond betrachtend. Roman; aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. 2003; (Französ. Originalausgabe: Caspar-Friedrich-Straße. 2002)
»Caspar David Friedrich besuchte Rügen häufig
und malte dort seine unvergleichlichen Himmel . . . Der Baum ist beinahe entwurzelt, er wird umfallen, auf dem Felsen aufschlagen . . .  Alles ist in der Schwebe, die Katastrophe ist noch nicht über uns hereingebrochen, aber man spürt ihr Nahen, und obgleich die Hand der Frau vertrauensvoll auf der Schulter des Mannes ruht, trotz dieser zuversichtlichen Geste droht ein Unheil . . .  « (46/47)

In Berlin wird ein Schriftsteller, der Ich-Erzähler, damit beauftragt eine Rede anlässlich der Einweihung einer neuen Straße zu halten. Sie soll den Namen des berühmten Malers der deutschen Romantik tragen. Neun seiner Gemälde geben ebenso vielen Kapiteln ihre Namen. Der  Fluss der Assoziationen führt von der NS- und der DDR-Vergangenheit der neuen/alten Hauptstadt  zu Erinnerungen an „Geistesmenschen“ vergangener Jahrhunderte und zu Reflexionen über die Gemälde  C.D. Friedrichs.
»Die Fassade der Abtei ragt in den Himmel wie das einsame Gemäuer des Anhalter Bahnhofs, ein Erinnerungsstück für das, was einmal war, ein Zeuge der Zerstörung . . . Wo ist unsere Gegenwart? Was machen wir aus ihr? Sind wir fähig anzunehmen, was uns gegeben ist?« (107) 
Die Erzählung über eine Begegnung, den Verlust und das Wiederfinden einer jungen Frau gewinnt zusehends an Raum. Das letzte „Riesengebirge“ betitelte Kapitel dieses klugen, sensiblen Textes schließt mit der aus der Bildbetrachtung abgeleiteten Hoffnung: „ . . .  eine Verschwommenheit, die keine Auflösung bedeutet, sondern eine Öffnung, den Raum, um das Kommende zu empfangen.“ (140)
http://www.zeit.de/2004/03/L-Wajsbrot                 
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/165834/

Antonio Tabucchi

Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro. Roman.
Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. 1997.
Der im März 2012 in Lissabon verstorbene italienische Autor nahm sich eine reale Begebenheit zum Ausgangspunkt. Der Schauplatz  Porto wird diejenigen begeistern, die Kriminalromane in berühmten Städten lieben. Die zahlreichen Bezüge auf Wissenschaft, Politik, Geschichte eröffnen einen weiteren Kosmos, in dem der zunächst  aussichtslose Kampf  gegen das seit der Salazar-Diktatur weiter bestehende Machtgefüge zur humanistischen Lebensaufgabe wird.


http://m.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/
rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-loton-der-dicke-menschenfreund-
11299766.html?service=json&fullhash
=qwervf2352642z.234tawt

 

Michel Houllebecq »Karte und Gebiet«.

(La carte et le territoire. 2010) Roman. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. 2011

„Jeff Koons hatte sich gerade von seinem Sitz erhoben und voller Begeisterung die Arme ausgestreckt. Ihm gegenüber saß Damien Hirst . . . „ 
So beginnt der Roman Houllebecqs, für den er  2010 den Prix Goncourt erhielt. Der Grundakkord ist angeschlagen: Das Spiel mit realen Figuren, das Ich mit eingeschlossen, Fiktion und Zukunftsvisionen.  Der junge Maler Jed Martin arbeitet an einem weiteren Gemälde einer Reihe über prominente Personen mit dem Titel: Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf. Er glaubt, an Jeff Koons Porträt gescheitert zu sein und zerstört das Bild.
In Rückblicken wird Jeds bisheriges Leben angedeutet: Der Freitod der Mutter, die Beziehung zu seinem Vater, einem Architekten, und seine ersten künstlerisch-fotografischen Arbeiten. Erste Erfolge in der Kunstszene hatte er mit am Computer bearbeiteten Michelin-Straßenkarten, denen er Satellitenbilder der gleichen Region gegenüberstellt. Das titelgebende Leitmotiv des Bemühens um Übersichtlichkeit und Katalogisierung unserer Welt findet sich auch in der noch in unserem Jahrzehnt angesiedelten Ermordung der Romanfigur Houllebecq. Der Verkauf  des Porträts des berühmten Schriftstellers ermöglicht dem Künstler Jed Martin ein zurückgezogenes Leben, in dem er sich angesichts der Auflösung der gewohnten Strukturen und Eigentumsverhältnisse filmischen Arbeiten über die Natur  widmet. Der letzte Satz lautet: Die Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon.
Den verschiedenen Zeit- und Inhaltsebenen entsprechen unterschiedlichste Erzählformen, von der sachlichen Beschreibung, dem ironisch-bissigen Kommentar bis zum melancholischen Abgesang.
Der Autor liefert uns den Fingerzeig:
"Ich mag es, wenn ein Roman mehrere Ebenen hat und damit verschiedene Zugangsmöglichkeiten. Ich finde es gut, wenn man das Buch mehrmals lesen kann und mal dem einen, mal dem anderen Erzählstrang folgt.“
 http://oe1.orf.at/artikel/271701

khm

Thomas Glavinic. Unterwegs im Namen des Herrn. 2011
                 
Pilgerreisen erfreuen sich in den letzten Jahrzehnten steigender Beliebtheit.  Kunstschaffende nehmen sich dieses Phänomens auf unterschiedlichste Weise an. (z.B. René Freund. Bis ans Ende der Welt - zu Fuß auf dem Jakobsweg. Ein Reisebericht.1999.  Jessica Hausner. Lourdes. Film.2009)  Der Ich-Erzähler und sein Freund, der Fotograf Ingo, beteiligen sich an  einer Busfahrt von Wien nach dem von der röm.-kath. Kirche nicht anerkannten Ort Medjugorje, um „Menschen in ihrem Glauben zu erleben“ und weil die Fahrt nach Lourdes  „mehr als das Doppelte“ kosten würde. Zu Beginn nehmen sie (beeinflusst von den Strapazen der Fahrt?) die anderen Reisenden  großteils als groteske Figuren wahr. In dem kleinen Ort mit den angeblichen Marienerscheinungen lernen sie bald die in der Gastronomie Arbeitenden näher kennen. Die menschenverachtende „organisierte Abzocke der Pilgertouristen“ stört sie ebenso, wie sie zunehmend die gezielt aufgebaute „Leidensatomosphäre“ der Hilfesuchenden irritiert.  Ingo gelingt der Befreiungsschlag, er bucht für sie beide einen Flug von Split nach Wien.  Was sie jedoch – geschwächt durch Krankheit, Tabletten und Alkohol - auf der Autofahrt und in der Villa eines alten Bekannten des Vaters  erleben,  übertrifft die Geschehnisse im Pilgerort bei weitem. Knapp vor der Landung gerät der Flieger wegen eines Gewitters in heftige Turbulenzen und der Ich-Erzähler dem ursprünglichen Zweck seiner Reise sehr nahe.
http://www.thomas-glavinic.de/unterwegs-im-namen-des-herrn/ 
Tipp: Verfilmung des Romans „Wie man leben soll“.    http://www.wiemanlebensoll.at/

fallada

Fallada-Porträt von e.o.plauen

Hans Fallada (1893-1947) „Bauern, Bonzen und Bomben“ (1931)  Selbst in kleinsten räumlichen Einheiten zeichnen sich  die künftigen Konflikte der 30er Jahre ab. Die Schreiber der lokalen Presse, Vertreter der Exekutive, der Politik, alle haben ihren Anteil daran.  1932 erscheint unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise bei Rowohlt  „Kleiner Mann - was nun?“.
2011 bringt der Aufbau Verlag die ungekürzte Original-Fassung des 1947 in gekürzter und veränderter Form erschienen Romans „Jeder stirbt für sich allein“ heraus. Auf wahren Begebenheiten fußend, handelt er vom tragischen Versuch eines Berliner Ehepaars zum Widerstand gegen das NS-Regime. Trotz vieler Verfilmungen seiner Werke (in beiden deutschen Staaten) aus früheren Jahrzehnten kann nun durch zahlreiche Übersetzungen von einer Fallada-Renaissance gesprochen werden. Zu beachten sind auch die weltweit gespielten  Bühnenfassungen .
http://www.zeit.de/2011/18/L-Fallada
http://www.muenchner-kammerspiele.de/
programm/kleiner-mann-was-nun/

Sabine Gruber. Stillbach oder Die Sehnsucht.

Private Lebensgeschichten und  Ereignisse der „großen“ Geschichte sind oft auf fatale Weise verknüpft. In den späten 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begreift Emma ihr Weggehen aus ihrem Heimatort in der Nähe von Bozen zunächst als Befreiung. In Rom, wo sie in einem Hotel arbeitet, ist sie als „tedesca“ plötzlich von den politischen Konflikten betroffen. Den gleichen Weg nimmt Ines zu Beginn der 1970-er Jahre . . . „Der Roman im Roman“ zeigt den Personen der Rahmenhandlung, wie wenig sich die Protagonisten bis in die Gegenwart der Geschichte ihrer Länder entziehen können.

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur
/liebe_und_politik_hass_und_befreiung
_1.12949019.html


http://www.wienerzeitung.at/themen_channel
/wzliteratur/buecher_2011/385931_Gruber-Sabine-Stillbach-oder-Die-Sehnsucht.html

Josef Haslinger. Jáchymov.
Der Zufall führt zwei Menschen in  Jáchymov/St. Joachimsthal im Erzgebirge zusammen. Der Mann, ein Verleger mit DDR-Vergangenheit aus Wien, hofft im Radonheilbad auf eine Linderung seiner Schmerzen. Die Frau sucht das Uran-Bergwerk, wo ihr Vater – einst der gefeierte Tormann der tschechoslowakischen Eishockeynationalmannschaft – ab 1950 Zwangsarbeit leisten musste. Im sachlichen Stil  einer Chronik, die auf realen Personen und Ereignissen fußt, erlesen wir Familiengeschichten, die ein breites Panorama an historischen  Details über das „Zeitalter der Ideologien“ vor uns ausbreiten.
http://oe1.orf.at/artikel/283059                      http://oe1.orf.at/artikel/283442

Jonas Jonasson. (Übers. Aus dem Schwedischen: Wibke Kuhn) Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand.

Wer geistreichen, schrägen Humor liebt, ist mit diesem Buch gut beraten.  Wie sonst könnte das vergangene Jahrhundert und seine „Männer, die Geschichte machten“, besser abgebildet     werden als in der Form des Schelmenromans?  Grandios werden die Fäden der Handlung nach der Flucht des Hundertjährigen aus dem Altenheim mit den Rückblenden auf sein bewegtes Lebens verknüpft.
Hörbuch  gelesen von Otto Sander
Interview mit dem Autor:
http://www.youtube.com/watch?v=2Zh7wHHFl08 

 

glasharmonika

Benjamin Franklins »Glasharmonika« 1762


Alissa Walser: „Am Anfang war die Nacht Musik“. Roman. Piper Verlag, München, Zürich 2010. 256 S., geb., 19,95 €.

Der wie die Autorin am Bodensee geborene Franz Anton Mesmer erregte im späten 18. Jahrhundert  von Wien bis Paris mit seiner Heilmethode, die er „animalischer Magnetismus“ nannte, große Aufmerksamkeit. 1777 wird ihm die junge,  mit drei Jahren erblindete, äußerst erfolgreiche Pianistin Maria Theresia Paradis von ihrem Vater zur Heilung übergeben. Der Gang der Handlung kann in  jedem Lexikon nachgeschlagen werden. In diesem Roman wird abwechselnd aus der Perspektive des Mediziners und seiner Patientin erzählt. Faszinierend, wie die sprachliche Gestaltung der „Seelenräume“ die Verbundenheit  der beiden fühlbar werden lässt. Die seltsam künstlich klingende  Sprache wird von Rezensenten mit dem Klang der Glasharmonika verglichen, auf der Mesmer gerne spielt: „Sie sei zufrieden. Mit sich. Ihrem Leben. Sehen, wozu denn? Klavier spielen kann ich auch ohne.“
Geschichtlich Interessierte finden viele atmosphärische Details, welche die Verstrickungen der beiden Figuren in die  Zwänge ihrer Zeit zeichnen.

http://www.globe-m.de/de/boulevard/justinus-pieper-trifft-die-autorin-alissa-walser

http://glasharmonika.at/html/instrumente
_gh.htm

Tipp: Immer ich (April 2011)

hadelap_wald

Maja Haderlap. Engel des Vergessens.
Bachmannpreis 2011

„Das Kind begreift, dass es die Vergangenheit ist, mit der es rechen muss. Es kann nicht nur seine Wünsche und die Gegenwart hochhalten. . . ” S. 109
„Ich nenne sie Großmuttersprache, weil sie von meiner Großmutter . . . gesprochen wurde, mit der ich die meiste Zeit meiner Kindheit verbrachte . . . Bis zu meinem Eintritt in die Schule sprach ich nur Slowenisch und begann erst in der Schule Deutsch zu lernen. Ich bewegte mich in der kleinen, engen Welt der Gräben rund um Bad Eisenkappel, in die die große weite Welt nur gewaltsam und bedrohlich Eingang gefunden hat . . .”  VOLLTEXT Nr.2/2011, S. 35
Mit diesem Roman betreten die  Leiden und der Widerstand der Kärntner Slowenen, die Deportation von über 220 Familien ab 1942, die erzwungene Politik des Vergessens von 1945 bis in die Gegenwart die deutschsprachige Literatur. (Als Lyrikerin wählte Haderlap die slowenische Sprache.) Aus der Sicht eines lange nach Kriegsende geborenen Mädchens wird geschildert, wie das Vergessen den damals Betroffenen (Großmutter, Vater, Verwandten)  nicht möglich ist und die Erinnerungen die nächste Generation prägen. (Erschütternd, welche Wirkung die  Fernsehbilder aus dem Krieg im Nachbarstaat Jugoslawien ab 1991 auf diese Menschen hat.)
Der Wald, die Grenze, die Sprache sind die wichtigsten Leitmotive dieses vielschichtigen Romans.
Der Ausschnitt, für den die Autorin 2011 den Bachmannpreis erhielt, ist zu lesen auf: http://bachmannpreis.eu/de/texte/3336

Anregungen:
Ein  Onkel der Autorin veröffentlichte in Slowenisch:
http://www.literaturwiki.uni-klu.ac.at/index.php?title=Anton_Haderlap
Über den Roman: http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/h/maja_haderlap.htm
Geschichte und Erinnern: http://www.persman.at/default2.asp?lang=de

 

traunsee

Maria Eliskases. Goldfisch oder der schwedische Archimedes. (2011)

Die 60er und frühen 70er Jahre in der österreichischen Provinz – in diesem Fall bei einer Familie, deren Vater, ein Berufsfischer, früh gestorben ist. Die Mutter und der halbwüchsige Sohn führen mit Unterstützung der Großmutter und der kleinen Tochter das Gewerbe und den Verkauf von Zeitschriften, Schreibwaren weiter. Alle Handgriffe sitzen, Worte sind selten nötig. Mit großer sprachlicher Sorgfalt werden aus der Sicht des Mädchens die Personen und ihre verschiedenen Tätigkeiten,  Beziehungen, Sehnsüchte und Träume geschildert.  Rock ´n´ Roll, die Töchter der Sommergäste, die Motorisierung bringen einen neuen Rhythmus in die bisher vertraute Welt. Die Natur, insbesondere der See mit seiner Ruhe oder plötzlichen Gewalt  bestimmen jedoch weiter das Leben der Menschen. Die im Titel und im Titelbild  (Helga Hofer. o.T., Öl auf Leinen) anklingenden geheimnisvollen Grundmotive  verknüpfen die 19 Kapitel (z.B. „Der Viechtauer“, „Crazy Little Mama!“ „Die Metzgermitzi“).  Dieser Text ist auf vielfältige Weise zu lesen und zu genießen. Kenner des Salzkammerguts werden sich zusätzlich an den vielen regionalen Bezügen erfreuen.


Andrea Grill. Zweischritt. (2007)

Der Zweischritt ist ein Volkstanz im Zweivierteltakt. Welche Bewegungen führen junge Wissenschaftlerinnen von heute durch? Der Radius der Ich-Erzählerin berührt Orte in Europa (Wer kann der Versuchung widerstehen, die Biografie der Autorin zu Hilfe zu nehmen?) und Brasiliens. Oft ist die Ich-Erzählerin im Flugzeug unterwegs, die Gedanken bewegen sich kreisförmig nach vor und zurück. Auch die sogenannte Realität bietet keinen Halt. Verwirrende Eindrücke,  Begegnungen mit Menschen, die Forschungen über Schmetterlinge, Reflexionen über die eigene Identität, Erinnerungen und Träume. Faszinierend, wie treffend die Sequenzen innerhalb der 24 Kapitel in Wortwahl und Form gestaltet sind. Ernsthaft und philosophisch kommt so mancher Gedanke daher, um gleich darauf  grotesk in Frage gestellt zu werden. Eine vielschichtige, rasante Erzählform, die mit Esprit und Witz  die Widersprüche unserer Zeit abbildet.  http://www.buchkritik.at/kritik.asp?IDX=4656
http://www.falter.at/web/shop/

 

Vladimir Vertlib. Am Morgen des zwölften Tages.  (2009)

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Alles hängt mit allem zusammen – oder auch nicht?  Dieser Roman möchte mündige Leserinnen und Leser. Sie selbst sollen sich entscheiden, ob sie  ihn vor allem aus der Perspektive der Zeit nach 09/11 und der  39-jährigen Astrid Heisenberg lesen. Ihre Tochter stammt aus einer kurzen, leidenschaftlichen Beziehung zu einem Mann aus Bagdad. Oder  interessieren vor allem die Lebenserinnerungen des bekannten Orientalisten Sebastian Heisenberg, Astrids Großvater? Er nahm 1941 für die deutsche Abwehr an einer militärischen Mission im Irak teil. Es sollte der Einfluss der Briten durch eine „faschistische Perspektive für die muslimische Welt“ zurück gedrängt werden. (Der Anhang listet die interessanten historischen Bezüge auf.)  Welche Schlussfolgerungen über die Kontakte zwischen Okzident und Orient sollen aus den beiden Erzählsträngen gezogen werden? Wie auch in anderen Romanen des aus Leningrad (heute Petersburg) stammenden österreichischen Autors – Letzter Wunsch, Das besondere Gedächtnis der  Rosa Mansur – wird ein anspruchsvolles Thema ohne Bevormundung und Wertung in oft leicht ironischem Unterton erzählt.
http://www.furche.at/system/downloads.php?
do=file&id=1437

Silke Scheuermann. »Shanghai Performance«. Roman. Frankfurt/M. (2011)

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Shanghai-Map

Ausgerechnet in Shanghai will die international bekannte Künstlerin  Margot Wincraft -  die Autorin nennt in einem Interview Anlehnungen an Vanessa Beecroft -  ihre nächste Performance durchführen.
Ist für den internationalen Kunstmarkt der Hype um China nicht bereits vorüber?
Die Ich-Erzählerin,  die promovierte Assistentin Luisa, beobachtet an Margot eine seltsame Unruhe und Irritation. Die  pulsierende, schwüle Metropole Shanghai spiegelt  die Geschäftigkeit  und die Verletzlichkeit der Akteure des globalen Kunstbetriebs. In die Vorbereitungen der Kunstaktion – nackte Mädchen in Langhaarperücken und hochhackigen Schuhen sollen sich stumm in einem historischen Gewächshaus auf einem Erdhügel präsentieren -  brechen unterschiedliche Lebens- und Liebesgeschichten. Ab und zu blitzen in dieser „geschlossenen Gesellschaft“ Erinnerungen an Geschichte und Kultur  Chinas und Shanghais auf. Noch überwiegt  der unbedingte Glaube an Rasanz und Veränderung, die Personen agieren wie Teile eines Kunstprojekts, kleiden sich in einer Boutique neu ein: „Denn wir hatten es uns verdient, einfach, weil wir so hart gearbeitet hatten und nun in diesen verdammt teuren Kleidern so gut aussahen, ja, weil wir uns überhaupt, auf der ganzen Erde so gut machten, egal wo wir uns befanden, ob in Europa oder Amerika oder dem fernen Osten.“  (246) Folgerichtig tauchen immer wieder Namen der realen Kunst-, Medien- und Modewelt auf.  Den Zielen der Kunst („Freiheit“) werden die Bedürfnisse der Menschen untergeordnet. Auf der Party nach der erfolgreich verlaufenen Performance wird die Welt des schönen Scheins  durch die Vergangenheit des realen Lebens der Künstlerin zerstört. . .

vivaldi

A.Vivaldi, François Morellon de La Cave (1723)

Tiziano Scarpa. Stabat mater.  (Übersetzung: Olaf M.Roth) 2009

Als Einstimmung zur Lektüre sei der Hörgenuss bei Vivaldis Vertonung (als Interpret: Philippe Jaroussky) dieses  aus dem 13. Jh stammenden 10-strophigen Gedichts  in lateinischer Sprache empfohlen. Auch in der bildenden Kunst kommt das Motiv der Mater Dolorosa  sehr häufig vor (Tizian).

Der 1963 in Venedig geborene Autor lässt seinen Roman im 18. Jh  spielen.  Bereits die Zeitgenossen  lobten die hohe musikalische Qualität der Konzerte in den „Ospedali“, von Klöstern geführten Waisenhäusern, in den begabte Mädchen  eine musikalische Ausbildung erhielten.  Im Ospedale della Pietà am Riva degli Schaivoni wächst die kleine Cecilia heran. Eine neue Welt eröffnet sich ihr, als Antonio Vivaldi als Violinlehrer ihr Talent entdeckt. . . 

»Antonio Vivaldi. Der rote Priester«

Hörbuch der Reihe »Musikgeschichten«. Ab einem Alter von 7 Jahren gibt diese CD gute Einblicke in die Welt der musikalischen Waisenmädchen und  ihres  berühmten Lehrers.

Die Anregungen stammen von der Bildungsreise  „Venezia ist eine Frau“.

http://www.bennewitz-frauengeschichte.de/

 

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»Gedruckt werde ich viel«, sagte der  1897  im  nö. Weinviertel geborene  Theodor Kramer im Jahre 1930 und beschloss »von seiner Feder« zu leben. In Zeitschriften, im Rundfunk und ersten Bändchen wurden seine Gedichte im Volksliedton mit alle Menschen berührenden Inhalten rezipiert.  Ab 1933 kamen  ihm alle Publikationsmöglichkeiten in Deutschland abhanden. 1938  musste er seine Wiener Wohnung verlassen und bekam Berufsverbot. Das Gedicht »Wer läutet draußen an der Tür?« vermittelt uns bis heute seine Situation. Mit Unterstützung Thomas Manns gelang ihm die Flucht nach London, wo er  bis 1957 lebte. 1958 starb der Verfasser tausender Gedichte fast völlig vergessen in Wien.

1984 wurde die Theodor Kramer Gesellschaft gegründet, die es sich bis heute zur Aufgabe macht, Literatur und Kultur der Menschen im Exil ins Bewusstsein der Gegenwart zu rücken.  www.theodorkramer.at

Der in Wittenberg geborene Hans-Eckardt Wenzel veröffentlichte mit seiner 2006 erschienenen CD »Vier Uhr Früh« weitere hervorragende  musikalische Interpretationen  einiger Theodor Kramer Gedichte.

 

hokusai

Katsushika Hokusai »Die große Welle vor Kanagawa« (1830)

Deutsche Anti-Atom-Lyrik

Ingeborg Bachmann. (1926 – 1973)  Unter dem  Eindruck der Auswirkungen  des Abwurfs der Atombomben  auf Hiroshima und Nagasaki  verfassen  die Autorin und andere  Mitglieder der „Gruppe 47“  Gedichte und  engagieren sich politisch  im Komitee gegen die Atomrüstung.

Im Gedicht »Freies Geleit« ist zu lesen:

Die Erde will keinen Rauchpilz tragen,
kein Geschöpf ausspeien vorm Himmel,
mit Regen und Zornesblitzen abschaffen
die unerhörten Stimmen des Verderbens.

Aus: I. B., Werke Band 4, München 1978

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/

Hans Magnus Enzensberger. Der 1929 geborene Dichter, Essayist, Herausgeber, Übersetzer etc. schenkt uns zu seinem 80. Geburtstag die Gesamtschau seiner Gedichte 1950 – 2010. (http://oe1.orf.at/programm/256722)

Eine Stimmung des Weltuntergangs vermittelt das Gedicht »das ende der eulen«

ich spreche von euerm nicht,
ich spreche vom ende der eulen,
ich spreche von butt und wal
in ihrem dunklen haus..

Aus: h.m. enzensberger. landessprache, Frankfurt/M. 1960

 

Japan und die deutschsprachige Literatur

Josef Winkler. Roppongi. Requiem für einen Vater. Novelle (2007)

"Als ich mich vor drei Jahren mit meiner Familie in Tokio aufhielt, wo wir im Stadtteil Roppongi wohnten", schreibt Josef Winkler über sein neues Buch, "starb im Alter von 99 Jahren mein Vater, der mir ein Jahr vor seinem Tod, nachdem er erfahren hatte, dass ich in meinem letzten Prosaband einem Bauern aus meinem Heimatdorf weder Kornblumen noch Pfingstrosen gestreut hatte, in einem kurzen, aber dramatischen Telefonmonolog mitteilte, dass, wenn es soweit sei, ich nicht zu seinem Begräbnis kommen solle. Als wir von seinem Ableben erfuhren, stand ich in der österreichischen Botschaft in Tokio vor einer wandgroßen Glasscheibe. Ich schaute hinaus auf einen Teich mit orangefarbenen Wakinfischen, als ein Reiher mit weit auseinandergebreiteten Flügeln am Rande des Teiches aufsetzte. Der tote Vater hat sich also, dachte ich in diesem Augenblick der Trauer und des Glücks, in der Gestalt eines weißen Reihers noch einmal bei mir blicken lassen, bevor er unter die Erde geschaufelt wird mit seinen langen, dünnen roten Beinen, mit seinem erdig gewordenen spitzen langen Schnabel, auf der Suche nach den Würmern seines zukünftigen Grabes in Roppongi. Sein Fluch war in Erfüllung gegangen; wir reisten nicht zurück, sondern blieben in Roppongi." http://www.perlentaucher.de/buch/28014.html

Gerhard Roth. Der Plan. (1998)

Ein Mitarbeiter der Österreichischen Nationalbibliothek will ein Autograph Mozarts illegal an einen Sammler in Japan verkaufen. Als Tarnung dient ihm eine Vortragsreise. Die Kriminalhandlung fesselt bis zur letzten Zeile. Die  Beschreibung der für Europäer noch immer so fremden und  geheimnisvollen Welt bleibt eine unvergessliche Leseerinnerung.

Zum Wiederlesen: Adolf Muschg. Im Sommer des Hasen. (1965)

1962 reiste der junge Schweizer Germanist Adolf Muschg auf dem Seeweg nach Japan.  Nach seiner Tätigkeit als Universitätslektor finden seine Eindrücke Eingang in einen bis heute viel gelesenen Roman:
Auf der Seite des Suhrkamp-Verlages findet sich folgende Beschreibung:

Adolf Muschg erzählt in seinem Roman von Personen, denen ein Reisestipendium gewährt wird und die so in den Genuß eines japanischen Sommers kommen. Unter den Geschichten der Reisenden, die der Erzähler in seinen Bericht an den Freund verwebt, findet sich eine Liebeserzählung von großer Anmut und Traurigkeit, die man nicht wieder vergessen wird. www.suhrkamp.de

2005 erschien der Roman „Eikan, du bist spät, dessen Titel sich auf eine buddhistische Legende bezieht. Wieder treffen Menschen der beiden Kulturkreise zusammen. Das Cellospiel (J.S. Bach. Suiten für Violoncello) verbindet und trennt. Ein Bildungsroman mit viel Geheimnisvollem.

Lesenswert auch das folgende  aktuelle Interview: Das Wichtigste wird nicht gesagt. Der Standard. 16. März 2011.

 

Immer interessant: Die monatliche, kommentierte Liste literarischer Texte aus  aller Welt:  http://www.swr.de/bestenliste
Diesmal an erster Stelle: Arno Geiger. Der alte König in seinem Exil.

 

Sofi Oksanen. Fegefeuer.  (Estnisch: Pudhistus= Reinigung, Säuberung)

„Aliide Truu starrte die Fliege an, und die Fliege starrte zurück“, so beginnt das Kapitel „Die Fliege siegt immer“ des inzwischen in 25 Ländern erscheinenden Romans (in fünf Teilen) der jungen Finnin mit Mutter aus Estland –
Sofi Oksanen.
1992 wird die ältere der beiden weiblichen Hauptpersonen in der Küche ihres ehemaligen Bauernhauses bei den Arbeiten zur Vorratswirtschaft gestört. Die Fliege entwickelt Strategien ihr zu entkommen. Wir kennen die Situation. Doch in diesem Fall spiegelt sie das Verhalten von Menschen, die gezwungen sind, sich auf Eines zu konzentrieren: in den sich ständig ändernden politischen Verhältnissen irgendwie zu überleben. (Nach erlittener Gewalt und lähmender Angst  gehören dazu auch Kollaboration mit den politischen Machthabern und Denunziation.) Mit dramaturgischer Meisterschaft wird eine Familientragödie bis zum Jahre 1936 aufgerollt.
Innenräume (die Küche, der Keller der Gemeindeverwaltung, Verstecke), das Dorf und seine Umgebung, die Wälder (sie dienen den „Waldbrüdern“ als Versteck, die Besitzfrage spiegelt die politischen Verhältnisse) bilden die Kulissen für Gedanken und Empfindungen der Figuren.
Die Landkarte wird bis Wladiwostok erweitert, wohin die Schwester und deren Kind deportiert werden. Zara, die Enkelin der Schwester, ist die zweite weibliche Stimme des Romans. Sie gelangt über Berlin, wo sie den Beginn eines besseren Lebens erhoffte, wieder zurück nach Estland zum Haus der Großmutter. Bald muss auch sie in einem Versteck untertauchen.

Beklemmend, poetisch und brutal ist die Sprache der kunstvoll ineinander verwobenen Kapitel mit Zeit-, Ortsangaben und „Schlagzeilen“. An perfekt kalkulierten Stellen stehen mit Datum versehene Eintragungen in ein Heft, das Hans Eerikssohn Pekk unter den Dielen seines Verstecks aufbewahrt. Der vierte Teil stellt die Verbindung von Aliides aussichtsloser Liebe zu ihren folgenschweren Entschlüssen von 1992 her. Der fünfte Teil beginnt mit Hans´ Eintragung vom 25.8.1950. Über Briefe, die er jemandem abgenommen hat, steht zu lesen: Es wäre nicht gut, wenn jemand sie fände. Für solche Briefe kommt man nach Sibirien, auch wenn sie schon in den Dreißigerjahren abgeschickt worden sind ... Die anschließenden KGB-Dokumente von 1946 bis 1951 konterkarieren die bisherige Romanhandlung. Der Agentin „Fliege“ trauen die Machthaber. Den Schluss des Romans bildet Hans´ Eintragung vom 5.10.1951.
Ein Glossar, zusammengestellt von Angela Plöger, der Übersetzerin des Romans,  und Grundkenntnisse über die leidvolle Geschichte Estlands helfen, Andeutungen und poetische Verschlüsselungen in einen historisch-politischen Rahmen einzuordnen.

 

Zum 80. Geburtstag: Nur ein toter Thomas Bernhard ist ein . . .

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»Das Problem ist immer, mit der Arbeit fertig zu werden, in dem Gedanken, nie und mit nichts fertig zu werden. . , es ist die Frage: weiter, rücksichtslos weiter, oder aufhören, schlußmachen . . . es ist die Frage des Zweifels, des Mißtrauens und der Ungeduld.«
Ansprache bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises. Aus: Meine Preise. (2009)

Wer die medial inszenierte, ungustiöse »Erregung« anlässlich der Uraufführung von »Heldenplatz« am Wiener Burgtheater (ein Auftragswerk zum Bedenkjahr 1988) noch deutlich in Erinnerung hat, wird in diesen Tagen eine gewisse Genugtuung empfinden. Im Februar 2011 wäre Thomas Bernhard 80 Jahre alt geworden.  Die meisten Medien präsentieren seriöse Würdigungen des »Übertreibungskünstlers«.  Wie oft werden Textstellen wie die folgende in Bad Ischl im Rahmen von Reifeprüfungen analysiert: »Der Mensch muss schon sehr stark sein, um sich hier behaupten zu können. Das Salzkammergut ist herrlich für ein paar Tage, aber es ist vernichtend für jeden, der länger bleibt . . .«    Aus:  Wittgensteins Neffe  (1982) S.84/85.

Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? lautet  der Titel  eines frühen Prosatextes von Thomas Bernhard, der sich wie ein Leitmotiv durch viele seiner Werke zieht. Tonfall und Mimik des Autors in den berühmten Interviews, die er auf Mallorca Krista Fleischmann gab, geben Deutungshilfen.

Ein lesenswerter Beitrag des Salzburger Germanisten Hans Höller:
http://derstandard.at/1296696381275/Sprache-und-Lebensform 

Das Erdbeben von Lissabon 1755
Spuren in der deutschsprachigen Literatur

lissabon

Diese Naturkatastrophe, die auch im Mittelmeerraum und bis nach Finnland spürbar war, beschäftigte nicht nur Naturwissenschaftler, Theologen und Philosophen. Auf den damals sechsjährigen Goethe machten die Gespräche über die Zerstörung der prächtigen Hafenstadt  einen so großen Eindruck, dass dieses „außergewöhnliche Weltereignis“ Eingang in den ersten Band  „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ (1811) und in Faust II. (1832) fand. www.wikipedia.org

Heinrich von Kleist bezieht sich in seiner Novelle „Das Erdbeben in Chili“ (1807) auf  das Erdbeben von 1647  in Chile. Das dramatische Schicksal zweier Liebender gibt vor allem Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Diskurse der Entstehungszeit und die Erinnerung an die Katastrophe von 1755.

Lesenswert: http://derstandard.at/1295570809914/Mit-Kinderkoepfen-gegen-Kirchensteine

Heinrich von Kleist   geb. 1777 in Frankfurt an der  Oder, gest. 1811

Im November 1811 setzte  dieser außergewöhnliche  Dichter seinem und dem Leben einer jungen Frau am Wannsee in der Nähe von Potsdam ein Ende. Die Beschäftigung mit seiner Biografie zeigt einen jungen Mann, den Familiengeschichte und politische Ereignisse  in stete persönliche Konflikte  katapultierten.  Dies mag eine der Erklärungen dafür sein, dass seine literarischen Figuren bis heute so faszinieren.
Zunächst seien zwei Novellen erwähnt: Die Marquise von O. (1807) und Michael Kohlhaas (1810).  Beide Hauptfiguren geraten unverschuldet in Konflikt mit der Gesellschaft und  versuchen ganz im Sinne der Ideen der Aufklärung ihren Weg als Individuen zu gehen. Der Aufbau der Handlung, die Intensität der Sprache und die wie Mini-Dramen mathematisch-logisch gebauten Satzkonstruktionen beeinflussten viele Autoren späterer Generationen.
Diese beiden Novellen inspirierten Regisseure wie Eric Rohmer und Volker Schlöndorff  zu hervorragenden Filmkunstwerken.
Reizvoll ist es auch Kleist als literarischer Figur zu begegnen: Christa Wolfs. Kein Ort. Nirgends  (1979) handelt von einer fiktiven Begegnung des Autors mit der bekannten Dichterin der Romantik, Karoline von Günderode. (Diesen Text gibt es auch als Hörbuch, zum Genießen z.B. während einer  Zug- oder Autofahrt.)
Auf vielen Spielplänen deutschsprachiger Stücke finden sich Stücke von Heinrich von Kleist.
Peter Steins Inszenierung am Berliner Ensemble (Direktor Claus Peymann, bis 1956 Bert Brecht)  der Komödie „Der Zerbrochene Krug” brachte es bis zur Einladung zu den Wiener Festwochen 2009.  Besonders gelobt wurde die schauspielerische Leistung Klaus Maria Brandauers als Dorfrichter Adam. (Die unter der Regie Goethes 1808 erfolgte Uraufführung in Weimar  geriet wegen der gravierenden Eingriffe des „Dichterfürsten”  in das Werk des jungen Kollegen zum Misserfolg. Interessant zu diesem Thema die Seite des Goethe-Instituts.)
Ein besonderer Leckerbissen ist bis heute ein Stück, das auf einem griechischen Stoff basiert. Kleist gab ihm den Untertitel „Lustspiel nach Molière”, da er ursprünglich eine Übersetzung aus dem Französischen vorhatte. Am Wiener  Akademietheater  ist die viel bejubelte Inszenierung des neuen Burgtheaterdirektors Matthias Hartmann aus seiner Züricher Zeit zu sehen. Das  Spiel zwischen Sein und Schein und die wechselnden Identitäten  halten auch uns Menschen des 21. Jahrhunderts schonungslos komisch den Spiegel vor.

Alle besprochenen Texte sind  auch online zu lesen unter: http://gutenberg.spiegel.de
Als Einstieg für  die eigene Recherche  eignet sich folgende Adresse:
www.dieterwunderlich.de

 

Doron Rabinovici. »Andernorts«
Wer je einen journalistischen Beitrag  des 1961 in Tel Aviv geborenen und seit 1964 in Wien lebenden Autors gelesen hat,  wird sich mit großem Gewinn auch seiner literarischen Begabung anvertrauen.  Fühlen wir zunächst mit einem Wissenschafter mittleren Alters und seinem Kontrahenten, finden wir uns bald in einem dichten Netz unterschiedlichster Personen in Österreich und Israel wieder. Mit Humor und Melancholie erhalten wir Einblick in eine Familiengeschichte, die immer rätselhafter wird und die beiden Kontrahenten zu Entscheidungen zwingt.
www.rabinovici.at/buecher_andernorts.html
www.rabinovici.at/bio_thomas_kraft.html  Beitrag im Lexikon der deutschen Gegenwartsliteratur.

Monika Maron. »Ach Glück«. Roman (2007)
Den ersten Satz des Romans schreibt eine fast 90-jährige Frau mit dem Namen Natalia Timofejewna in einem Internet-Café in Mexico City: „Fassen Sie sich ein Herz . . ., meine Liebe, und kommen Sie her.“   Wir begleiten Johanna während des Flugs in ihren Gedanken und Erinnerungen an ihre DDR-Zeiten, die Jahre nach der „Wende“, hören ihrem Gatten, dem Kleistforscher Achim, zu. Wir  lernen ihre Freundin Elli und den Galeristen Igor kennen. Eine längst vergessene Saite an ihr scheint ein Hund zum Klingen zu bringen. Sie nennt ihn Bredow nach der Autobahnausfahrt, an der sie ihn los gebunden hat. In diese  uns im Grunde vertraute Welt dringen die Erinnerungen aus Natalias Briefen: An ihre verschwundene Freundin Leonora (Leonora Carrington), die in Paris als Künstlerin die Surrealisten André Breton und Max Ernst gekannt hat. An  die Bekanntschaft mit Frida Kahlo und Trotzkij.
Das Buch endet, als Johanna am Flughafen den „breitkrempigen, knallroten Hut“ Natalias erblickt.  Es bleibt die Hoffnung, dass nach den „Endmoränen“ und dem Roman „Ach Glück“  die Trilogie vollendet wird.

h.c.artmann   zum 10. todestag  sollte wieder einmal einer seiner vielfältigen texte hervor geholt werden. Und zwar nicht nur aus  „med ana schwoazzn dintn. gedichta r aus bradnsee“  (1958).
sehr zu empfehlen sind auch diverse Hör-CDs,
die Texte gelesen von Helmut Qualtinger.

Herta Müller. Trägerin des Literaturnobelpreises des Jahres 2009
Mir öffnete die Ausstellung im Literaturhaus München den Zugang zu ihren Texten. Grundlegende Kenntnisse über die Geschichte Rumäniens und  der deutschsprachigen Bevölkerung des Banats sind hilfreich. Sehr aufschlussreich sind auch die Tondokumente, in denen die Autorin von ihren Überlegungen zu den verschiedenen Sprachen spricht. Unvergleichlich ihre Sprachmelodie beim Erzählen.
Wer das Werk „Die Atemschaukel“  kennen lernen möchte, dem sei die Audio-CD empfohlen. Ulrich Matthes bringt die Kapitel in ihren unterschiedlichsten Stimmungslagen zum Klingen.

Wladimir Kaminer.  Wer übersehen hat, dass es ein weiteres Buch gibt, der sei auf „Meine kaukasische Schwiegermutter“ hin gewiesen.
Selbstverständlich eignen sich auch seine „Klassiker“, wie z.B. „Russendisko“, zum ständigen Wieder-Lesen. Übrigens, es gibt auch Mitschnitte von Lesungen in diversen Audio-Books.

Melinda Nadj Abonji, geb. in der serbischen Vojvodina als Angehörige der ungarischen Minderheit,  lebt heute in der Schweiz.  Sie ist die Trägerin des Deutschen Buchpreises des Jahres 2010.
Ihr Buch „Tauben fliegen auf“  faszinierte mich wegen  seiner Vielfalt an Stimmungslagen zwischen Kindheitserinnerungen, Schrecken über den Balkan-Krieg der 1990-er Jahre, Empörung über die immer wieder erlebte  Verachtung  von  Menschen ihres Gastlandes, das schon längst ihre Heimat ist . . .

 

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